Saturday, December 22, 2007

Happy Holidays

Ähnlich wie in Deutschland ist hier seit Ende November alles auf Weihnachten ausgerichtet, zwar nicht mit so vielen Süßigkeiten in den Supermärkten, aber mit viel Schmuck, wie hier am Bahnhof, in der National Mall oder in der Stammkneipe JRs:

Irritierend allerdings, dass man sich seit Wochen bei jeder Verabschiedung Happy Holidays wünscht. Das mag aber vielleicht ein Hinweis darauf sein, dass die Feiertage der anderen Religionen hier mehr in der Öffentlichkeit auftauchen. So entzündet der Präsident nicht nur den National Christmas Tree sondern auch einen Chanukkah-Leuchter (hier der auf dem Marktplatz in Sans Francisco)

Und um Weihnachten und die Weihnachtszeit nicht von den Weißen dominieren zu lassen, wurde 1966 von und für die African Americans Kwanzaa eingeführt, ein Fest das in der letzten Dezemberwoche mit verschiedenen Aktionen an das Erbe der Schwarzen in den USA erinnert. Leider werde ich es verpassen, aber Briefmarken konnten man schon zu allen Festen kaufen.
(Breast cancer ist hier ein großes Thema, deshalb wohl auch mit bei den Festtagen...?)
Aber wie fast immer ist hier alles von Gegensätzen bestimmt. Bei den Festtagen scheint man sich etwas mehr um Multikulturalität zu bemühen, im Präsidentschaftswahlkampf sieht das schon wieder anders aus: Es wurde schon versucht, Barack Obama wegen seiner angeblichen muslimischen Vorfahren zu diskreditieren und Mike Huckubee, der Rising Star der Republikaner ist deshalb so erfolgreich, weil er ein konservativer Evangelikaler ist und sich ganz bewusst von seinem Hauptrivalen Mitt Romney und dessen Religion (er ist Mormone) abgrenzt.

Den Beginn der richtig heißen Phase der Vorwahlen am 3. Januar (in Iowa) werde ich leider verpassen, weil ich heute nachmittag für drei Wochen zu meinem ersten Deutschlandbesuch abfliege.

Aber so sehr ich Spaß am Verfolgen dieses Wahlkampfes habe, es wird mit der Zeit immer langweiliger, alles wiederholt sich und die politischen Fragen, die nie besonders im Mittelpunkt standen, treten noch weiter in die Bedeutungslosigkeit zurück zu Gunsten irgendwelcher persönlichen und tatktischen Fragen. Und das wird sicher noch schlimmer im neuen Jahr.

Ich verlasse mein zu Hause Washington mit einem sehr guten Gefühl, denn es liegen sehr ereignisreiche und schöne zehn Monate hinter mir, in denen ich unglaublich viel erlebt habe, ein halbes Jahr Auszeit geniesen konnte und jetzt durch mein Praktikum auch einen kleinen Einstieg ins Arbeitsleben habe. Zu diesem Wohlfühlen trägt nicht nur meine glückliche Beziehung sondern auch die vielen Kontakte mit den Freunden in Deutschland, die Anteilnahme an meinem Leben hier und die Versorgung mit guter Schokolade, taz-Produkten, Fishermen's friends usw. bei.
Vielen Dank und Happy Holidays!

Wednesday, December 19, 2007

Deck the Halls, Carouse and Folly


Auch hier folgt einer Weihnachtsfeier die nächste. Soeben komme ich vom Christmas Light Run zurück. Mit meiner schwulen Läufergruppe (DC) Frontrunners haben wir mit Glöcken an den Schuhen und Weihnachtsmützen auf dem Kopf an diesem 4 Meilen Lauf durch die National Mall und zum Weißen Haus teilgenommen, wo wir vor dem National Christmas Tree Weihnachtslieder, wie z.B. "Rudolph the red-nosed reindeer" aus dem vorher verteilten Liedheft gegröhlt haben. Und zu meinen Fotos meinten die Mitläufer: Ja, ja, zeige deinen deutschen Freunden ruhig, wie verrückt die Amis sind.


Die beste Weihnachtsfeier aber war (natürlich) bei meinem Steuerberater. In der Einladung hieß es schon: "In dressing we are suggesting that if you got it - flaunt it. This will mean different things to different people. To Miss Winnie West it means an invitation to wear your biggest stones. To Braxton it means wearing his scarlet Christmas smoking jacket. In other words you are invited to express yourself and be over-the-top, but it is short of masquerade. Christmas has a gaudy side. Take that aspect to the limit when choosing attire. You are invited to submit your own addition to this section." Im Weihnachtskostüm begrüßte er die Gäste an der Tür der Villa (leider fehlte mir der Mut zu Fotos aus größerer Nähe)

und nachdem ein erstklassiger Geiger eher für das ältere Publikum aufgespielt hatte, nahm mich Braxton zur Seite und führte mich in die Gemächer im Obergeschoss, wo im edlen Badezimmer die Joints bereit lagen und wo ein ständiges Kommen und Gehen war. Mein Kollege, der ebenfalls zum ersten Mal auf einer dieser Partys war, bemerkte später, auch zum insgesamt noblem Ambiente "dafür arbeiten wir also alle...". Das sehr bunt gemischte und interessante Publikum bestand aus vielen Ausländern, die Kunden des Büros sind und den Freunden der beiden Moncure Kindern, die Anfang zwanzig sind. Getanzt haben alle, besonders ausgelassen Braxton selbst. Und zu vorgerückter Stunde zogen einige der jungen auch ihre T-Shirts aus...
Auf vielfachen Wunsch gibt es jetzt noch ein Foto von Braxton.
Ein seriöses, das muss auch sein. Denn im Gegensatz zu seiner Verrücktheit und nach außen ausstrahlenden Liebenswürdigkeit führt er seine kleine Firma wie ein strenger Hierarch. Und konnte so nebenbei auch noch die www.bluefieldvillas.com aufbauen. Fortsetzung folgt!

Friday, December 14, 2007

QuickBooks und Checking


In seinem Bemühen, mir auch anspruchsvollere Aufgaben zu übertragen, hat mich Braxton diese Woche für zwei Tage zusammen mit drei weiteren KollegInnen zu einem QuickBooks-Buchhaltungsseminar geschickt. QuickBooks wird von 80% der kleinen Unternehmen in den USA genutzt, weil es eigentlich nicht für Buchhalter geschrieben ist, trotzdem aber die vollständige Buchhaltung "im Hintergrund" erledigt und somit sowohl für Buchhaltungslaien wie "echte" Buchhalter nutzbar ist.
Es hat mir viel Spaß gemacht, mich endlich wieder intensiv mit Buchhaltung bzw. entsprechender EDV zu beschäftigen und die Chancen, während meines Praktikums auch intensiver in die Buchhaltungstätigkeiten miteinbezogen zu werden, sind dadurch weiter gestiegen. Sie sind es auch deshalb schon, weil eine der BuchhalterInnen vor kurzem auf amerikanische Weise mal eben entlassen wurde...
Mein Verdacht und die Beobachtung aller Europäer die hier leben hat sich im Seminar noch einmal bestätigt: Das zentrale Zahlungsmittel ist in den USA der Scheck:
Nicht nur im Supermarkt zahlen viele Leute mit Scheck, sondern z.B. kann unsere Telefonrechnung NUR mit Scheck bezahlt werden. Aber auch bei uns im Büro läuft alles mit Schecks und man kann sich vorstellen, welch ein Aufwand das ist. Drucken, einzeln unterschreiben, verschicken, zur Bank bringen... Vor kurzem hat ein Kunde angekündigt, er würde seine Rechnung überweisen. Sofort bekam ich die Aufgabe, das Konto genau zu überwachen, wann das Geld einginge. Aber meine größte Freude nun im Kurs: Wenn eine elektronische Überweisung getätigt wird, stellt man sich mit dem Buchhaltungsprogramm einen Ersatzscheck aus! An die elektronische Übernahme der Bankdaten ins Buchhaltungsprogramm ist hier noch lange nicht zu denken und zumindest auch unsere rießige Telefonfirma bringt ihre Schecks wohl täglich zur Bank.
Als ich nun auch ein Konto zur Einzahlung meiner Gehaltsscheck eröffnete, bekam ich mehrere Stapel Scheckbücher zugeschickt, zusammen mit einer Schecksammelbox zum Basteln. Das Anmelden zum online-Banking wiederum konnte ich einfach so machen, ohne jegliche Sicherheitsvorkehrungen. Als ich heute bei der Anmeldung zur arbeitgeberfinanzierten Monatskarte (ich bin der einzige im Büro, der nicht mit dem Auto kommt, was die anderen nicht verstehen können) die Zahlungsart Überweisung wählte (und dafür komplizierte Formulare ausfüllen musste), waren die BuchhalterInnen ganz aufgregt. Das hatten sie bisher noch nicht gemacht.

Thursday, December 6, 2007

San Francisco

Um meinem Ruf treu zu bleiben, habe ich nach einer Woche Besuch auch noch einen Kurzbesuch in San Francisco gemacht. Das umweltschädliche Vielfliegen wird einem nicht nur durch günstige Preise, sondern neuerdings auch durch coole Flugzeuggestaltung noch leichter gemacht:

Virgin America, die sonst Platten verkaufen, begrüßen einen nicht nur freundlich, auch das Innere der Flugzeuge ist mit coolen Farben beleuchtet, mit loungiger Musik beschallt und jeder hat an seinem Platz einen I-Pod-mäßigen Bildschirm zum Musik hören, Fernsehen und Getränke bestellen. Da vergeht so ein 6-Stundenflug wie im Fluge... Aber auch der Blich aus dem Fenster auf die vertrauten Appalachen, die verschneiten Rocky Mountains und den Grand Canyon waren toll.

In San Francisco dann das übliche Programm:

Golden Gate, die tolle Cable Cars, der berühmteste Blick auf die Stadt, wie immer in Nordamerika eine Chinatown, die hier aber besonders nett ist, die Buchhandlung der Beatnicks und die fotografisch schwer festzuhaltenden steilen Straßen.

Diesmal aber auch mit Ausflügen auf die Gefängnisinsel Alcatraz

einem wunderschönen Ausflug an der Pazifikküste (wie verrückt, eine Woche vorher noch an der Atlantikküste

mit anschließendem Abstecher zum californischen Wein in Sonoma und Napa

und endlich auch mal nach Berkley, das ein Vorort von San Francisco ist. Der Campus der University of Maryland ist allerdings besser für eine schöne Filmkulisse geeignet und die politischen Aktionen der StudentInnen sind auch Geschichte

Der Hauptgrund für den Besuch war Ralf (wie schon auf den Bildern zu sehen), dessen schöne Wohnung mit Weitblick wir genossen haben und deren Provit-Bus Linie 36 wir vermissen (wer erkennt, warum hier so gelacht wird?)

und an dessen sozioligischen Studien wir etwas Teil hatten, allerdings mehr am abendlichen Teil. Berliner sind allerdings verwöhnt: Die schwule Szene in SF ist zwar etwas besser und größer als in DC und wir waren auf einer netten alternativen Party und in meinem altvertrauten Cafe Flore, aber es fehlt trotzdem die Vielfalt der Lokalitäten und Angebote. Trotzdem muss man sagen: Die Westküste ist doch viel netter als die Ostküste und wir bedauern sehr, dass San Francisco nicht die Hauptstadt ist.
Das Fliegen geht zwar schneller, aber ein Arbeitstag nach einer Nacht im Liegewagen ist doch wesentlich angenhemer als einer nach einem Flug. Da hilft auch das coolste Flugzeug nicht.

Monday, November 26, 2007

Thankgiving, Black Friday und die Atlantikküste

Einen großen Teil des amerikanischen Lebens kennen wir aus Filmen und stoßen so immer wieder auf Vertrautes. Aber einen tiefgefrorenen Truthahn in der Hand zu halten ist dann doch nochmal etwas anderes:

Da wir im sozialen Leben etwas träge sind, waren wir zu keiner Familienfeier eingeladen, haben aber trotzdem ein sehr schönes Festessen kreiert, mit den traditionellen Süßkartoffeln, Pumpkin Pie und mit frischem Fisch vom Markt.

Thanksgiving, das immer am letzten Donnerstag im November gefeiert wird und auf eine alte Tradition englicher Siedler zurückgeht, ist in der Bedeutung vergleichbar mit dem deutschen Heiligen Abend. Da viele zu ihrer Familie reisen, ist das Thanksgiving-Wochenende das reiseintensivste in den USA. Schon seit Wochen gab es dramatische Fernsehberichte, welches Verkehrschaos zu erwarten sei. Die Bahn hat ein spezielles Fahrplanheft (!!!) für dieses Wochenende gedruckt, aber die meisten Reisen finden mit dem Flugzeug statt. Das Chaos im - auch an normalen Wochenenden - völlig überlasteten Flugverkehr ist zwar ausgeblieben, aber gestern abend gab es am Flughafen lange Schlangen am Taxistand, so dass der öffentliche Bus zum Flughafen, der nur stündlich fährt, endlich einmal gut genutzt wurde.

Und tatsächlich: zum ersten Mal seit ich hier bin, haben am Donnerstag abend die Läden geschlossen und es wurde spürbar ruhiger auf den Straßen. Noch überraschender für uns: auch das ganze Nachtleben war zum Erliegen gekommen. Schon die U-Bahn hatte so wenig Fahrgäste, dass der Fahrer extra auf uns warten konnte. Und dann waren sämtliche Kneipen geschlossen, obwohl wir erwartet hatte, dass es auch hier Menschen geben muss, die nach dem Thanksgiving-Dinner, das schon am Nachmittag stattfindet, der Familie entfliehen wollen. Aber zum Glück war auf unsere Stammkneipe "J.R.'s" Verlass.
Aber nur eine kurze Pause. Am Freitag öffneten die ersten Kaufhäuser schon um 4 Uhr morgens um den Ansturm am umsatzstärksten Tag des Jahres, dem Black Friday, zu bewerkstelligen. Und ein Fest jagt das andere: auf einmal ist alles auf Weihnachten ausgerichtet

Und so sind wir zum Feiern ins vertraute Rehoboth an der Atlantikküste gefahren und haben dort wieder ein traumhaftes Sonnenwochenende verbracht

Und während es in der kleinen schwulen Community-Kneipe eine sehr witzige Drag-Show gab (die Fotos folgen noch), wurde draußen der Weihnachtsbaum bei amerikanischen Weihnachtsliedern des Methodist Church Choir entzündet. Allersings waren weder der Gesang noch der Baum so schön, dass es eine Fernsehliveübertragung gerechtfertigt hätte. Aber das amerikanische Selbstbewusstsein ist eben stark ausgeprägt.