Nach fast zwei Jahren intensiver Wahlkampfbeobachtung ist es kaum zu glauben, dass am Dienstag abend (wahrscheinlich) alles vorbei sein wird. Auch wenn die Umfragen recht gut aussehen für Obama, gibt es doch noch eine gewisse Unsicherheit. Sollte McCain gewinnen, wäre das bei der derzeitigen Ausgangslage ein Armutszeugnis für die USA. Obama hat einfach einen perfekten Wahlkampf (u.a. Rekordsummen eingenommen und eine flächendeckende Basisorganisation) geführt, tritt sympatisch und dynamisch auf, und kämpft gegen die durch die Bush-Jahre katastrophal heruntergewirtschaftete republikanische Partei. Eigentlich erstaunlich, dass er nicht mit größerem Abstand führt, zumal er sich (entgegen aller Notwendigkeiten und m.E. auch ideologischer Überzeugung) sehr populistisch als großer Steuersenker aufführt. In einem Land, in dem die Steuern sowieso so niedrig sind, dass für die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen (Bildung, Gesundheit, Infrastruktur...) kein Geld da ist.
Den Wahlabend werde ich wohl bei Frontrunner-Freunden verbringen, auch wennn ich genauso gerne im Busboysandpoets-Cafe wäre, das auch in den deutschen Medien gerne als Treffpunkt der modernen, "post-racial" Afro-Amerikaner erwähnt wird und in dem ein Obama-Sieg sicher besonders emotional zu erleben sein wird. Die Wahlergebnisbeobachtung wird stark auf die Electoral Map konzentriert sein, da jeder Staat einzeln ausgezählt wird und nach dem Mehrheitswahlrecht jeweils die gesamte Summe der ihm zustenden Wahlmänner einem Kandidaten zuspricht. Interessant sind deshlab nur die Staaten, in denen beide kandidaten etwa gleich viele Stimmen erwarten.

Die Frage ist natürlich, ab wann das Ergebnis feststehen kann. Die ersten Wahllokale schließen um 18 Uhr (24 Uhr MEZ), ab 19 Uhr (1 Uhr) gibt es erste Ergebnisse aus den umkämpften Staaten Florida und Virginia, an denen man erste Trends erkennen kann, und ab 21 Uhr (3 Uhr) könnte das Ergebnis verkündet werden, auch wenn die letzten Wahllokale an der Westküste erst um 23 Uhr (5 Uhr) schließen. Aber auch in Deutschland ist ja bekannt, wie schwierig das mit dem Auszählen hier manchmal ist und aufgrund der erwarteten hohen Wahlbeteiligung (90%!) könnte es sein, dass die Wahllokale länger offen bleiben müssen, um allen die Möglichkeit der Stimmabgabe zu geben. Komisch, dass man sowas nicht besser planen kann in einem hochentwicklten Land... Aber die Nachrichtensender wird's freuen.
Ein Teil der unendlichen Beschäftigung mit den Wahlen fand und findet natürlich auch im Unterhaltungsbereich statt und macht teilweise viel Spaß. So gab es beim diesjährigen DC Stöckelschuhrennen (das jetzt vor unserem Haus stattfindet) nicht nur eine Sarah Pailin (mit Joe the Plumber).
Und da Sarah Pailin's einzige Stärke ist, dass sie so normal ist, hat sie sich bestens für viele Comedy-Shows geeignet, in denen sie zum verwechseln echt dargestellt wurde und ihre (gefährliche) Naivität besonders schön herausgestellt wurde.
Was mir aber besonders gefallen hat ist die (eigentlich ernsthafte) Aktion von Sarah Silverman:

WELCOME TO THE SCHLEP
The Great Schlep aims to have Jewish grandchildren visit their grandparents in Florida and educate them about Obama, thus swinging the crucial Florida vote in his favor. Don't have grandparents in Florida? Not Jewish? No problem! You can still become a Schlepper and make change happen in 2008, simply by talking to your relatives about Obama.
Eigentlich gehört noch dazu, dass die Enkel mit Besuchsboykott drohen sollen, falls ihre Großeltern nicht Obama wählen wollen.
Während wir hier in DC traumhaftes Herbstwetter mit 20 Grad und Indian Summer Farben geniesen und witzige Halloweenpartys erleben, sind viele 100.000 Obama-Anhänger in den Battlegroundstates von Tür zu Tür unterwegs, um die letzten unentschiedenen Wähler von Obama (oder McCain?) zu überzeugen. Ich war sehr überrascht, dass auch einige meiner Mitläufern heute dazu ins südliche Virginia aufbrachen. Ich bewundere ihr Engagement, auch wenn mir diese Form von politischem Einatz und Wahlkampf (immer noch) sehr fremd ist.