Dank des gestrigen Memorial Days kamen auch wir einmal in den Genuss eines verlängerten Wochenendes (hier sind die Feiertage immer Montags, so dass man (wenn man überhaupt frei hat) keinen Brückentag benötigt. Und wir haben die drei Tage genutzt, um eine 840-Meilen Autotour ins benachbarte West Virginia zu machen.
View Larger MapUrsprünglich von Indianern zum Jagen genutzt wurde dieser bergige, westlich der Appalachen gelegene Teil Virginias im 18. Jahrhundert von Briten, Schotten und hauptsächlich Deutschen besiedelt und wollte sich während der Amerikanischen Revolution als "Westsylvanien" unabhängig machen. Die Abspaltung vom Südstaat Virginia kam dann aber erst während des Bürgerkriegs, unter anderem weil im Bergstaat West Virgina Sklavenhaltung in der kleinflächigen Landwirtschaft nicht efektiv war. Der große Aufschwung kam aber mit der Entdeckung der Kohle.

Zunächst wurde die Kohle Mitte des 19. Jahrhunderts entlang der Flüsse in kleinen Gruben abgebaut, wo man auch heute noch unzählige der kleinen Siedlungen sehen kann.

Um die Kohle in die nordöstlichen Industriestädte der USA zu transportieren, wo sie maßgeblich zur industriellen Revolution der USA und später zur Kriegsproduktion im ersten und zweiten Weltkrieg beitrug, wurden mehrere Eisenbahnlinien über die Berge Richtung Osten and die Atlantikküste und richtung Nordwesten zu den Industriestätten des mittleren Westens gebaut.

Der Arbeitskräftebedarf sowohl für die Gruben als auch für den Eisenbahnbau war so groß, dass sowohl Schwarze aus den Südstaaten angeworben wurden als auch in Europa Werbemaßnahmen durchgeführt wurden, um eine Vielzahl europäischer Immigranten anzulocken. Sie haben wohl kaum mit den harten Arbeitsbedingungen gerechnet. 16% der Minenarbeiter sind bei der Arbeit ums Leben gekommen, so dass die Wahrscheinlichkeit, in der Mine zu sterben größer war als als Soldat im zweiten Weltkrieg zu sterben (in dem 400.000 US-Soldaten gefallen sind). Und die ethnischen Spannungen zwischen den verschiedenen Einwanderergruppen war so groß, dass sie in getrennten Siedlungen untergebracht wurden.
Doch mit der zunehmenden Technisierung wurden in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts die meisten Arbeitskräfte überflüssig. Obwohl heute mehr Kohle gefördert wird als vor 100 Jahren, werden heute nur noch 10% der Arbeitskräfte benötigt.
In den 20er Jahren haben sich in West-Virginia Kleinstädte gebildet und entwickelt, die aufgrund ihrer Lebendigkeit mit Läden, Hotels und Saloons Little Chicago oder Little New York gennant wurden. Heute sind diese Städte entvölkert und heruntergekommen. Die Stadt Welch ("Little Chicago") hat uns besonders schockiert. In den 40er Jahren sah es dort so aus:

Und die gleiche Straße sieht heute so aus:

West Virginia ist mit seinen 1,8 Millionen Einwohnern einer der ärmsten Staaten der USA, hat das niedrigste Bildungsniveau und hatte schon vor der derzeitigen beginnenden Rezession so gut wie kein Wirtschaftwachstum. Ein Großteil der Bevölkerung wohnt in (sehr herunter gekommenen) Mobile Homes und der Anblick war so wie in einem armen Land, in dem man sich nicht traut, die Menschen zu fotografieren.
Als wir nach Restaurants fragten, wurden wir zu den Fast Food-Ketten geschickt, deren Folgen man auf einem Jahrmarkt gut beobachten konnte.

Und gleichzeitig erlebt die Kohle in den USA wie auf der ganzen Welt ein großes Come Back und die Förderung wird auch hier wahrscheinlich weiter ansteigen. Immerhin wird über die Hälfte des Stroms in der USA in Kohlekraftwerken produziert. Einzig für die Bahn erfreulich, die zwar ihren Personenverkehr in West Virginia bis auf drei Züge pro Woche eingestellt hat, aber hautpsächlich vom Transport der Kohle lebt. Und der hat so stark zugenommen, dass Strecken und Tunnel sogar weiter ausgebaut werden müssen und man davon spricht, dass es hier ein neues Eisenbahnzeitalter angebrochen ist.

West Virginia hat aber nicht nur seine Arbeitsplätze durch die Technisierung der Kohlebergbaus verloren. Um günstiger Kohle zu fördern wird hier zunehmend zum Tagebau übergegangen der zur Folge hat, dass ein Großteil der schönen Berglandschaft zerstört wird. Bürgerinitiativen, die dagegen kämpfen, haben bisher wenig erreichen können.