Monday, September 7, 2009

The Deep South

Nach über 3000 Meilen und 16(hauptsächlich Süd-)Staaten sind wir rechtzeitig zum Labor-Day, dem inoffiziellen Ende des US-anerikanischen Sommers, mit einem neuen Getriebe aber einem Reifen weniger wieder in Washington angekommen.
Angefangen hatte die Reise mit dem einzigen Autozug der USA, der von Washington nach Orlando, Florida fährt.

Wir waren sofort in begeisterter Urlaubsstimmung, denn zum Servive gehöhrte gleich zum Auftakt eine Weinprobe, sowei Abendessen und Frühstück mit echtem Porzellan (keine Selbstverständlichkeit in den USA)! Darüber konnte man fast vergessen, dass es wohl auch der langsamste Autozug der Welt ist.

Am nächsten Morgen gut ausgeschlafen in Orlando haben wir uns dann Disney-World oder einen der anderen zig Vergnügungsparks gespart und sind gleich zur anderen Freizeitaktivität übergegangen, für die Florida so bekannt ist, einen heißen Atlantikstrand. Wie gut, dass man direkt auf den Strand fahren konnte.

Darüberhinaus hat Florida aber auch sehr faszinierende tropische Landschaften zu bieten, die wir aus tollen Perspektiven wahrnehmen konnten. Schon mit dem Zug fuhren wir direkt durch tolle tropische Wälder, wie man sie von der Autobahn aus nie sehen kann. Dann aber noch besser: Auf großen Reifen haben wir uns über drei Stunden lang auf einem flachen Fluss durch tolle Bäume an vielen Vögeln und rießigen Wasserschildkröten entlangtreiben lassen. Leider konnte man keine Kamera mitnehmen.

Kaum waren wir allerdings angekommen, gab es - nachdem die seit Juni andauernde Hurricane Saison noch völlig ruhig war - auch schon die ersten Hurricane Warnungen. Aber wie auch sonst mit dem Wetter hatten wir großes Glück und der erste Hurricane verlangsamte sich zum Sturm, ein anderer drehte sich zur Ostküste.

Und so konnten wir im Nordwesten Floridas, in der sogenannten Panhandle, traumhafte Strände mit weißem Sand und türkisem Wasser erleben, wie sie nur durch karribische Strände zu übertreffen sind.

Die Übernachtung immer in sehr günstigen Motels in kleinen Städtchen, wie Talahasse, der Hauptstadt Floridas oder Mobile, Alabama.

Einen ersten Eindruck von den Auswirkungen Kathrinas konnten wir dann im Küstenort Biloxi, Mississippi, sehen, wo sich ein leer geräumtes Strandgrundstück an das andere reihte.

Heftig erwischt hatte es auch das ehemalige Haus des einzigen Südstaatenpräsidenten während des Bürgerkriegs Jefferson Davis (hier vorher - nacher Bilder).

Hier habe ich nun zum ersten Mal auch ein (US-amerikanisches) Casino von Innen kennengelernt. Es ist schwer nachzuvollziehen, warum so viele Amis dorthin strömen um dann stundenlang vor den blinkenden Maschinen zu sitzen. Vielleicht kann ich mir Las Vegas nun doch sparen.

Dann kam eine der größten Überraschungen: New Orleans, das durch sein französisch-spanisches Altstadtviertel so schön europäisch und unamerikanisch wikte, dass wir mit dem Staunen und Begeisterung gar nicht wieder aufhören konnten.

Und erstaunlich, was dann hier auf einmal alles erlaubt ist.

Der Einfluss der Franzosen hatte hier schon im 18. Jahrhundert dazu geführt, dass es eine große Zahl freier Schwarzer gab und auch die Sklaven mehr Rechte hatten. Im Gegensatz zur sonstigen USA war es hier Sklaven und freien Farbigen erlaubt, zu Trommeln und zu Tanzen und sich zu versammeln. Auf dem Conogo-Platz, dem einzigen Platz in den USA, auf dem sich Schwarze damals versammeln konnten, soll so der Jazz entstanden sein. Und auch heute noch gibt es in allen Stadtteilen schwarze Karnevals (Mardi Gras) Vereine, die sich tollste Kostüme bauen und die bei den berühmten Jazz-Beerdigungen mitmarschieren und Musik machen.

Schwieriger zu finden waren die Spuren Kathrinas, da die touristischen Viertel ja vom Hochwasser nicht so stark betroffen waren. An den Superdom kann man sich aus den Nachrichten ja noch erinnern. Bei einer Fahrt durch den am stärksten betroffenen und ärmsten Stadtteil, konnte man sehen, wie viele Häuser völlig verschwunden sind. Bis heute sind nur 75% der Bevölkerung in die Stadt zurück gekehrt.

Auch die Suche nach den heute noch französichsprachigen AmerikanerInnen in der sumpfigen Gegend Lousianas westlich von New Orleans war schwierig und hätte mehr Zeit bedurft. Einfacher waren andere Bewohner bei einer faszinierenden Fahrt durch die durch menschliche Einflüsse stark gefährdete Sumpflandschaft zu finden.

Von Lousiana ging es dann am Mississippi entlang in den gleichnamigen Bundesstaat ins sogenannte Mississippi-Delta, das nicht wie man vermuten mag an der Mündung des Flusses liegt, sondern ein rießiges flaches Gebiet ist, in dem hauptsächlich Baumwolle angebaut wurde und wird.

Der (früher) arbeitsintensive Anbau von Baumwolle war für die weißen Siedler nur durch den Einsatz von unzähligen Sklaven interessant. Damit konnten sich die Plantagenbesitzer aber schöne Villen bauen.

Während die Schwarzen in einfachen Baracken leben mussten (die heute für uns als Touristen ausgebaut allerdings ihren besonderen Charme hatten)

Auf diesen Baumwollplantagen ist die Blues-Musik entstanden. Mit Beginn der Maschinisierung des Baumwollanbaus sind viele Schwarze auf der Suche nach neuen Arbeitsmöglichkeiten zunächst nach Memphis und dann in den Norden nach Chicago ausgewandert und haben ihre Musik dorthin gebracht. Noch heute gibt es aber in einigen Orten im Delta noch kleine Kneipen, wo dieser Blues noch original gespielt wird.

Besonders hat uns mit dem Mississipi-Delta allerdings verbunden, dass das Getriebe unseres Autos hier nach anfänglich komischen Geräuschen gar nicht mehr wollte und ausgetauscht werden musste, und wir so eine Woche lang auf diese ärmste Gegend der USA konzentriert waren, in der es sogar Ort gibt, die nicht an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen sind. Aber Glück im Unglück. Für die ersten Tage konnten wir uns einen Mietwagen für zwei Ausflugsfahrten nehmen und in der zweiten Wochenhälfte mit dem öffentlichen Bus (keine Selbstverständlichkeit in den USA in einer Kleinstadt) ins nahe gelegene Memphis fahren

Einer der Ausflüge führte ins auf der anderen Seite des Mississippi gelegenen Arkensas, den Heimatstaat der Clintons. Auf dem Weg dorthin kamen wir nicht nur durch Hellena, sondern auch durch Stuttgart.

Little Rock, die Hauptstadt Arkensas hat mit dem Aufstiegt ihres ersten Bürgers zum Präsidenten auch eine enormen Aufstieg erlebt, die große Clinton Presidential Library ist inzwischen die Hauptattraktion, in der viele Informationen über die Clintonjahre im Weißen Haus zu erfahren sind, allerdings (vorsichtig ausgedrückt) mit wenig kritischer Distanz.

Little Rock ist aber auch für ein anderes wichtiges Ereignis berühmt geworden. 1957 musste der damalige Präsident Eisenhower Bundestruppen nach Arkensas schicken, weil die bundesstaatlichen Truppen neun schwarzen Schülern den Zutritt in eine bisher weiße Schule verweigerten, obwohl der oberste Gerichtshof eindeutig entschieden hatte, dass die Rassentrennung in den Schulen nicht rechtmäig ist. Ein kleines, aber sehr eindrucksvolles Museum dokumentiert seit 1997 diese Geschichte, die noch gar nicht so lange her ist.

Die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung (nicht nur) in den Südtstaaten war eines der intensivsten Erlebnisse auf unserer Reise. Auf der nächsten Station in Memphis gibt es im ehemaligen Lorraine-Motel, in dem Martin Luther King 1968 ermodert wurde, das große Nationale Bürgerrechtsmuseum. In einer umfangreichen Ausstellung zeigt es den langen und harten Kampf der Schwarzen für Gleichberechtigung.

In unzähleigen Orten im Süden fanden die Verschiedensten Aktionen statt, wie z.B. im kleinen Ort Port Gibson, durch den wir fuhren: Obwohl das Wahlgesetz von 1965 den Schwarzen den Zugang zu Wahlen ermöglichen sollte, wurde der mehrheitlich schwarzen Bevölkerung (80%) dieses Recht weiter verwehrt. Sie organisierten bis 1969 einen Boykott der weißen Geschäfte und wurden daraufhin, verklagt von den weißen Geschäftsleuten, zu einem Schadensersatz von $250.000 verurteilt. Erst 1982 hob der Oberste Gerichtshof der USA dieses Urteil auf.

Wie das Rassenverhältnis heute in den Südstaaten ist, lässt sich von touristischen Besuchern nur schwer beurteilen. Einerseits schwer vorzustellen, dass dies noch vor 40 Jahren eine völlig segregierte Welt war, leben Weiße und Schwarze auch heute wohl eher noch in getrennten Welten, ganz zu schweigen von den ökonomischen Unterschieden. Unsere Fahrten mit öffentlichen Verkehrsmitteln waren da immer sehr aufschlussreich. Wir waren nicht nur die einzigen Weißen im Bus, sondern man bekam auch einen (oft schockierenden) Einblick in die Armut, in der viele Menschen dort leben. Politisch wird weiter in allen Südstaaten diskutiert, ob die Fahne der slavenhaltenden Konfederierten Südstaaten im Bürgerkrieg gehisst werden darf, ein klarer Affront gegen Schwarze.

Aber Memphis ist natürlich nicht nur für die Bürgerrechtsbewegung bekannt, sondern auch für die große Musikszene und in den Innenstadtkneipen gibt es jeden Abend überall live-Musik und eine sehr nette (wenn auch recht touristische) Stimmung.

Die Krönung des ganzen ist aber Graceland, das ehemalige Haus und Anwesen Elvis Presley's das heute zur Pilgerstätte ausgebaut ist (und so als Vorbild für eine zukünftige Neverlandranch gilt). Abgesehen vom Innendesign der Räume waren wir allerdings etwas enttäuscht, was man da für $28 Eintritt bekam.


Das Warten auf unser Auto bescherte uns dann noch einmal sehr schöne Nachmittage am innerstädtischen Pool in unserem Hotel in Memphis.

Mit neuem Getriebe ging es dann los auf unsere über 1000 Meilen lange Rückfahrt über Missouri, Indiana, Ohio, West-Virginia und Maryland. Die Grossstädte des Mid-West machten auf uns gleich wieder einen ganz anderen Eindruck als die Südstaaten-Städte. Eine besonders nette Überraschung zum Abschluss aber war das German Village in Columbus, Ohio, in dem man tatsächlich noch viele architektonische deutsche Spuren erkennen konnte.


Und dann hat es unser Auto auch fast bis nach Hause geschafft. Leider verloren wir kurz vor Washington ein Rad, so dass unsere Fahrt dann doch wieder (mit all unserem Gepäck) in Bus und Metro endete: Ein eindeutiger Sieg für den öffentlichen Personenverkehr!