Saturday, September 13, 2008

Wahlkampf update

Seit fast zwei Monaten habe ich nichts mehr über den Wahlkampf geschrieben, dabei gibt es jeden Tag unzählige Diskussionen und ausführliche Berichterstattung, dass ich viel erzählen könnte. Hier also nur ein kurzer Rückblick.
Nach der kleinen Wahlkampfpause während der olympischen Spiele ging es Ende August wieder richtig los mit den beiden "National Conventions", deren Bilder einem ja auch aus den letzten Wahlkämfen vertraut waren.

Im Gegensatz zu Parteitagen deutscher Parteien geht es hier aber nicht um politische Debatten sondern lediglich um eine Show aus patriotischen Videos und Reden, deren Timing sich nach der Fernsehprimetime richtet. Auch das bekommt man ja in Deutschland mit, dass aber das Fernsehen in diesen zwei Wochen hier eigentlich über nichts anderes berichtet, viele Sender jeden Tag vier Stunden lang live senden und es anscheinend eine Regel gibt, dass Unterstützer der jeweils anderen Partei nicht zu Wort kommen (selbst bei der sonst recht seriösen NewsHour) war dann doch sehr schockierend.

Das einzig neue (neben undendlicher Analysen welche Rede nun besser vorgetragen, ob die Clintons sich deutlich für Obama ausgesprochen haben, welche Familie auf der Bühne natürlicher gewirkt hat...) war die Bekanntgabe der VizepräsidentschaftskandidatInnen. Und netterweise haben wir mit beiden eine spezielle Verbindung.
Joe Biden, der ja auch im Vorwahlkampf der Demokraten kandidiert hatte, ist uns nicht nur aus unzähligen Fernsehdebatten vertraut, sondern auch weil er ein großer Bahnfahrer ist. Kein Bericht in den ersten Tagen nach der Bekanntgabe ließ aus, dass er seit 35 Jahren täglich mit Amtrak von DC ins 120 Meilen entfernte Wilmington nach Hause fährt und angeblich jeden Schaffner persönlich kennt. So ist zu hoffen, dass er sich als Vizepräsident für den dringend notwendigen Ausbau des US-Bahnverkehrs einsetzen wird.

Alaska war schon vor ein paar Wochen im Gespräch als einer der beiden Senatoren aus Alaska wegen Korruption angeklagt wurde. Bei unserer Reise im Frühsommer hatten wir auch schon über die "tolle" Gouverneurin Sarah Palin gescherzt, weil es schon damals (allerdings unwahrscheinliche) Gerüchte gab, dass sie Vizepräsidentschaftskandidatin werden könnte. Jetzt ist sie es und wir erfreuen uns der vielen Medienberichte über Alaska, sind schon durch ihr Dorf gefahren und kennen ihre Governeursvilla, die sie kaum nutzt, weil ihr die Hauptstadt Juneau zu abgelegen ist. (Hier der Sitzungssaal des parlamentarischen Finanzausschuss in Alaska und Wahlwerbung des republikanischen Repräsentantenhausabgeordneten)

Erschreckend wie durch ihre Nominierung John McCain einen unglaublichen Auftrieb bekommen hat und Obama nicht weiß, wie er darauf reagieren soll. Ich finde er könnte anerkennen, dass es ein historischer Fortschritt ist, dass eine Frau als Vizepräsidentin kandidiert und dass es keine Frage ist, auch als Mutter von 5 Kindern Vizepräsidentin zu sein. Und dann könnte er auf ihre erz-konservativen Positionen und auf ihre mangelnde (Inter)nationale Politikerfahrung eingehen. Ihr einziges Interview, das sie bisher gegeben hat und das auf dem Sender ABC in drei Teilen über zwei Tage verteilt ausgestrahlt wurde (unser Freizeitprogramm war also eingeschränkt), zeigte beides sehr deutlich. Zu vielen Fragen wusste sie keine richtige Antwort und versuchte nur auswendig gelernte Sätze unterzubringen auch wenn sie manchmal nicht ganz passten. Wie schrecklich die Vorstellung, dass sie auch in den nächsten Wochen von unzähligen McCain-Beratern noch entsprechend bearbeitet wird. Und wie absurd, dass genau das, was bei den Leuten so gut ankommt, ihre Natürlichkeit, als "Hockey-Mom" "eine von uns" zu sein, im Wahlkampf nur funktioniert, wenn es kampagnentauglich gemacht ist. Und auch dass man hier Präsident wird, wenn man eine gute Kampagne macht, nicht wenn man qualifiziert ist (was übrigens auch für Obama gelten könnte...) Aber Sarah Pailin ist hier DAS Thema, wie wir heute am Eastern Market auf der Straße und im Cafe an den Nachbartischen überall mithören konnten.

Gori - aus unterschiedlichen Blickwinkeln

Wegen Urlaub, Arbeit und verreistem Rechner kommt dieser Eintrag reichlich verspätet. Aber als während des Süd-Ossetien Krieges die Stadt Gori immer wieder in den Nachrichten zu sehen war, wollte ich doch nochmal die Bilder unserer Kaukasus-Reise 2005 raussuchen. Hier zunächst der Bahnhof und unser Hotel.

Und der Blick aus unserem Hotelzimmer auf den zentralen Platz, der im Fernsehen jetzt immer mit Zerstörungen und verstörten Menschen zu sehen war.

Der Russland/Georgien Konflikt ist aber sehr interessant im Vergleich der politischen Vorstellungen sowie der Medienberichterstattung der USA und Europas. Während die Berichte in Europa m.E. von Anfang an kritisch und differenziert waren und auch das provozierende Verhalten des nicht so ganz demokratischen Sakashvili thematisierten, war hier zunächst nur von uneingeschränkter Solidarität mit Georgien ("Wir sind alle Georgier") und hartem Umgang mit Russland zu hören. Auch BEIDE Präsidentschaftkandidaten äußerten sich entsprechend, wobei man Obama vielleicht noch zu Gute halten kann, dass er etwas zögerlicher war, aber dann doch auch die harte Haltung einnahm (was wohl nötig ist, um die Wahl zu gewinnen...). Dass die EU-Außenminister eine mehr auf Verhandlungen mit Russland ausgerichtete Politik anstreben wurde hier selbst vom sonst recht kritischen National Public Radio (NPR) als durch die Abhängigkeit vom russischen Öl und Gas bestimmte Haltung dargestellt. Dass es auch andere Formen von Konfliktlösung gibt als gleich mit Krieg zu drohen (wie das der neue Superstar der Republikaner, die Vize-Präsidentschafts-Kandidatin Sarah Palin in ihrem bisher einzigen (naiven und auswendig gelernten) Interview äußerte) scheint hier doch eine nicht weit verbreitete Vorstellung zu sein.

Übrigens konnten wir auch schon 2005 nicht in die Krisenregion Süd-Ossetien fahren sondern haben nur von den Hügeln Goris in den Kaukasus geblickt.

Und hier noch ein paar "speicial interst" Bilder. In seiner Geburtsstadt ist Stalin überall präsent. Nicht nur am Bahnhof wird man von ihm begrüßt, auch in der Stadt steht eine Statue von ihm und wir sind vor dem großen Stalinmuseum zu sehen.

Und für Bus-und Bahnfans ein tolles Land. Der Bus mit dem wir zum Bahnhof fuhren und der Bummelzug, der uns gemeinsam mit Bauern und Hühnern nach Tiblisi zurück gebracht hat.