Monday, November 26, 2007

Thankgiving, Black Friday und die Atlantikküste

Einen großen Teil des amerikanischen Lebens kennen wir aus Filmen und stoßen so immer wieder auf Vertrautes. Aber einen tiefgefrorenen Truthahn in der Hand zu halten ist dann doch nochmal etwas anderes:

Da wir im sozialen Leben etwas träge sind, waren wir zu keiner Familienfeier eingeladen, haben aber trotzdem ein sehr schönes Festessen kreiert, mit den traditionellen Süßkartoffeln, Pumpkin Pie und mit frischem Fisch vom Markt.

Thanksgiving, das immer am letzten Donnerstag im November gefeiert wird und auf eine alte Tradition englicher Siedler zurückgeht, ist in der Bedeutung vergleichbar mit dem deutschen Heiligen Abend. Da viele zu ihrer Familie reisen, ist das Thanksgiving-Wochenende das reiseintensivste in den USA. Schon seit Wochen gab es dramatische Fernsehberichte, welches Verkehrschaos zu erwarten sei. Die Bahn hat ein spezielles Fahrplanheft (!!!) für dieses Wochenende gedruckt, aber die meisten Reisen finden mit dem Flugzeug statt. Das Chaos im - auch an normalen Wochenenden - völlig überlasteten Flugverkehr ist zwar ausgeblieben, aber gestern abend gab es am Flughafen lange Schlangen am Taxistand, so dass der öffentliche Bus zum Flughafen, der nur stündlich fährt, endlich einmal gut genutzt wurde.

Und tatsächlich: zum ersten Mal seit ich hier bin, haben am Donnerstag abend die Läden geschlossen und es wurde spürbar ruhiger auf den Straßen. Noch überraschender für uns: auch das ganze Nachtleben war zum Erliegen gekommen. Schon die U-Bahn hatte so wenig Fahrgäste, dass der Fahrer extra auf uns warten konnte. Und dann waren sämtliche Kneipen geschlossen, obwohl wir erwartet hatte, dass es auch hier Menschen geben muss, die nach dem Thanksgiving-Dinner, das schon am Nachmittag stattfindet, der Familie entfliehen wollen. Aber zum Glück war auf unsere Stammkneipe "J.R.'s" Verlass.
Aber nur eine kurze Pause. Am Freitag öffneten die ersten Kaufhäuser schon um 4 Uhr morgens um den Ansturm am umsatzstärksten Tag des Jahres, dem Black Friday, zu bewerkstelligen. Und ein Fest jagt das andere: auf einmal ist alles auf Weihnachten ausgerichtet

Und so sind wir zum Feiern ins vertraute Rehoboth an der Atlantikküste gefahren und haben dort wieder ein traumhaftes Sonnenwochenende verbracht

Und während es in der kleinen schwulen Community-Kneipe eine sehr witzige Drag-Show gab (die Fotos folgen noch), wurde draußen der Weihnachtsbaum bei amerikanischen Weihnachtsliedern des Methodist Church Choir entzündet. Allersings waren weder der Gesang noch der Baum so schön, dass es eine Fernsehliveübertragung gerechtfertigt hätte. Aber das amerikanische Selbstbewusstsein ist eben stark ausgeprägt.

Sunday, November 18, 2007

Veterans Day

Ein Feiertag folgt dem nächsten, so dass ich kaum nachkomme, sie alle zu erwähnen. Allerdings haben an den meisten Feiertagen nur die öffentlichen Bediensteten frei, eine komische Ungleichheit und diesmal gehörte ich auch zu den Arbeitenden. Die Veranstaltungen fanden aber zum Glück am Tag davor, dem Sonntag statt.

Während es am hässlichen neuen World War II Memorial für die 400.000 amerikansichen Gefallenen des 2. Weltkriegs relativ ruhig war, fand eine der Hauptveranstaltungen am bekannten Vietnamkriegs-Mahnmal statt, in dessen Wand die Namen der fast 60.000 Gefallenen eingeritzt sind und das den 25. Jahrestag seiner Einweihung beging.

Dass Krieg und Militärdienst in diesem Land eine andere Rolle spielen, habe ich in den letzten Monaten schon intensiv mitbekommen. Auch die Information, dass täglich 1.000 amerikanische Veteranen aus dem 2. Weltkrieg sterben, hat mich sehr beeindruckt. Aber jetzt eine Vielzahl von Veteranen an diesem Mahnmal zu sehen, war noch einmal ein anderes Erlebnis

Neben allem Patriotismus gab es zum Glück auch kritische Stimmen, ein Stand von den Veteranen gegen Krieg, die ja auch intensiv für ein Ende des Irak-Kriegs kämpfen, wäre an diesem Tag aber wahrscheinlich zu viel gewesen...

Und am Nachmittag dann ein weiteres eindrückliches Ereignis. Auf dem Congressional Cemetery in Capitol Hill gibt es das Grab eines schwulen Vietnamkriegsgefallenen mit dieser Inschrift

Auch hier gab es eine Gedenkveranstaltung für schwule Gefallene und Veteranen, die allerdings so klein war, dass ich meinen neutralen Beobachterstatus nicht aufrechterhalten konnte.

Nicht nur wegen der kritiklosen Würdigung von Kriegen bei solchen Veranstaltungen, sondern auch deshalb unangenehm, weil Schwulen der Militärdienst offiziell verboten ist. Unter Bill Clinton wurde zwar der Kompromiss "Don't ask, don't tell" eingeführt, der beduetet, dass Schwule so lange dienen können, wie es geheim bleibt. Sobald es aber öffentlich wird werden sie aus dem Militärdienst entlassen. Interessanterweise haben die Entlassungen in den letzten Monaten stark abgenommen. Hat das wohl mit den Rekrutierungsproblemen aufgrund des Irakkriegs zu tun?
Für mich trotzdem unverständlich, warum sich Schwule unter diesen Bedingungen freiwillig zum Kriegsdienst melden können. Alle demokratischen PräsidentschaftsbewerberInnen sagen, sie würden "Don't ask, don't tell" in ihrer Präsidentschaft abschaffen, aber genauso geschlossen sind die republikanischen Kandidaten: sie sind alle der Meinung, dass eine Änderung dieses Gesetzes in Kriegszeiten zu gefährlich ist...

John Philip Sousa

Auch wenn Washington DC weltweit bekannt ist, gibt es wenige bekannte aus Washington stammende Persönlichkeiten. Das angeblich bekanteste Kind der Stadt ist John Philip Sousa, der am 6. November in einer unserer Nachbarstraßen in Capitol Hill geboren

und in der benachbarten Kirche getauft wurde. Während sein Vater aus einer portugiesischen Famile stammte, kam seine Mutter, Maria Elisabeth Trinkhaus, aus Bayern.

In Deutschland hauptsächlich Blasmusikern bekannt, nicht nur weil er das Sousaphone (eine spezielle Tuba) erfunden hat, sondern weil er hauptsächlich Marschmusik geschrieben hat, hatte ich Glück, ihn auch als Streicher in meinem Berliner Orchester kennenzulernen. Um Musik zu finden, bei der auch alle Bläser mitspielen können, haben wir regelmäßige Sousa-Märsche gespielt. Und die haben uns und dem Publikum Spaß gemacht.
Hier in den USA hingegen wird hauptsächlich Blasmusik gemacht, was mir schon bei der Suche nach einem Orchester aufgefallen ist. Und so ist "The March King" hier allen bekannt, vor allem durch seinen vom Kongress zum "National March of the United States" erklärten Marsch "Stars and stripes forever", der zum Ende der meisten 4th of July-Veranstaltungen gespielt wird.
An seinem Geburtstag, dem 6. November spielt jedes Jahr eine Balskapelle an seinem Grab auf dem benachbarten Congressional Cemetery

Und in diesem Jahr gab es auch einen von der Capitol Hill Historical Society organisierten Vortrag über sein Leben mit sehr netten Fotos aus der Geschichte des Stadtteils, der in einem interessanten Freimaurertempel stattfand:

Und beim anschließenden Geburtstagstortenessen lernte ich aufgrund der amerikanischen Offenheit verschiedene Leute aus der Nachbarschaft kennen, auch ein schwules Paar, das Interesse hat, gemeinsam zu musizieren. Nicht zu Unrecht ist Capitol Hill in diesem Jahr zu einem der zehn lebenswertesten Stadtteilen der USA gewählt worden.

Saturday, November 17, 2007

Ross & Moncure

Dank meiner morgen eintreffenden treusten Besucherin, habe ich nach vier Wochen Praktikum seit heute schon wieder zwei Wochen Urlaub. Ich praktiziere im Büro des Steuerberaters Braxton Moncure, der aus einer (für amerikanische Verhältnisse) alteingessesenen Famile schottischer Abstammung in Alexandria kommt.

Der Schwerpunkt der Kanzlei liegt auf ausländischen Steuerzahlern, vor allem solchen mit einem Journalistenvisum. Mit anderen Worten: ich beschäftige mich mit den Steuererklärungen aller (nicht nur deutscher) Journalisten in DC und lerne die meisten auch kennen, wenn ich sie nicht sowieso schon kenne.

Von den Firmen, die vom Büro betreut werden, sind viele aus dem kulturellen oder Medien-Bereich. Der 63-jährige Braxton hat wohl Spass mit interessanten KundInnen und diese umgekehrt auch mit ihm, denn er ist schon ein Original und interessiert sich nicht nur für Steuern. Auch meine Bewerbung hat ihn besonders wegen meiner Isreael-Erfahrung als Deutscher angeprochen. Mehrmals im Jahr gibt er große Partys in seiner Privatvilla in Georgetown und angeblich kifft er jeden Abend.

Neben Braxton arbeiten noch zwei weitere geprüfte Steuerberater im Büro, von denen der eine so etwas wie Braxtons persönlicher Referent ist und neben den steuertechnischen Sachen auch alle mail- und Computerdinge fuer ihn erledigt. Man kann also auch heute noch ohne Computerkenntnisse ein Steuerberatungsbüro führen.

Neben den 3 Buchhalterinnen, von denen zwei insbesondere die (auch hier komplizierte) Lohnbuchhaltung für diverse Firmen machen, gib es noch das Front-Office mit drei Kollegen plus mir, dem Praktikanten. Einer von diesen ist sowas wie der Büroleiter, seit 10 Jahren im Büro tätig und der Meinung, dass ohne ihn nichts läuft.
Vordereingang mit Braxtons Büro

Meine Aufgaben bestehen in erster Linie in praktikanten-typischen einfachen Aufgaben: Die vielen Akten pflegen und (für) Termine vor- und nachbereiten, Telefondienst u.ä. Die größte Herausforderung für das Frontoffice besteht allerdings im "Collating", dem Verschicken der fertigen Steuererklärungen. Wenn die Steuerberater eine Erklärung fertig haben, müssen wir diese kopieren und mit den entsprechenden Belegen, Zahlungsscheinen an die richtigen staatlichen und nationalen Steuerbehörden schicken. Eine nicht ganz einfache Aufgabe, die einige Einblicke in das amerikanische Steuersystem gibt.

Während die meisten mich wie einen normalen Praktikanten behandeln, versucht Braxton mir immer wieder anspruchsvollere Aufgaben zu übertragen, so z.B. die Beantragung der Verlängerung der Gemeinnützigkeit von "Reporters without Borders", Korrekturen in der Buchhaltung einer kleinen kulturellen Einrichtung u.ä.

Auch wenn ich unter den starken hierarchischen Strukturen und meiner Position als Praktikant leide, lerne ich doch auch viel über amerikanische Steuer- und Arbeitstrukturen und habe Spaß daran, wieder zu arbeiten. Und aufgrund meiner guten "Führung" habe ich auch schon meine erste 20%ige Lohnerhöhung bekommen (was bei dem niedrigen Lohn allerdings nicht viel ist).

Sunday, November 4, 2007

Indian Summer in Camp David

Den täglichen Stand des international bekannten Indian Summer kann man schon seit einigen Wochen auf einer Karte in der New York Times verfolgen

Dies hat uns nun schon am dritten Wochenende in Folge in die (für amerikanische Verhältnisse) nahe gelegenen Apalachen gebracht (2-2,5 Std. Autofahrt), wo wir nicht nur hübsche Orte angesehen

und frische Äpfel, Apfel-Cider und Marmelade gekauft haben

sondern tatsächlich große Bergtouren gemacht haben, wie z.B. diesen "Old Rag" mit 700 m Höhenanstieg und einer 5-stündigen Tour bestiegen haben.

Vielleicht muss man in die nördlich von New York gelegenen Nordengland-Staaten fahren, um den Indian Summer wertschätzen zu können. Hier erscheint er uns wie ein normaler (europäischer) Hernst mit bunt gefärbten Bäumen. Aber insbesondere beim derzeitigen traumhaften Sonnenwetter ist das auch etwas sehr schönes.
Für größere Begeisterung hat dann gesorgt, dass man beim Old Rag tatsächlich richtig klettern musste:

Belohnt durch wunderschöne Gipfel-Blicke

Gestern waren wir dann in den 70 Meilen nördlich von DC gelegenen Catoctin Mountains, ebenfalls zu den Apalachen gehörend. Auch hier wieder bunte Bäume und nette Kletterfelsen

Im Internet stand, dass der Park an diesem Wochenende zum Teil geschlossen sei. Den Grund erfuhren wir erst vor Ort:

Wir hatten schon mehrfach versucht, die genaue Lage Camp Davids herauszubekommen, es aber in keiner Karte und auch nicht über Google genauer herausfinden können. Die Ranger vom National Park Service durften uns zwar die genaue Lage auch nicht verraten, aber jetzt ist klar: Der Präsident verbringt hier in diesem Wald seine Wochenenden und der Park ist dann immer teilweise abgesperrt, wenn er da ist:

Halloween

Schon seit Wochen waren überall Kürbise zum Verkauf und zur Dekoration vor allen Häusern und Läden zu sehen

so dass ich Lust bekam - entgegen meines geringer Ehrgeizes in der Küche - Rezepte mit den pumpkins auszubrobieren. Neben Kürbisquiche (enldich mal eine neues Rezept...) und Suppe, war der Kuchen der gelungenste und zu meiner besonderen Freude konnte ich die Kerne auch noch verwerten:

Das amerikanische Rezept sah allerdings Kürbispuree aus der Dose vor und die Diskussion im Bundesstaat Iowa, wo die Mehrwertstuerbefreiung für Lebensmittel für Kürbisse aufgehoben werden sollte, klärte mich dann auf, dass es bei den Kürbisen um Dekoration geht.
Für den Einzelhandel ist Halloween sehr willkommen, um die ereignisarme Lücke zwischen Schulanfang und Weihnachten zu füllen und die Umsätze konnten in diesem Jahr wiederum um 50% auf 5 Mrd Dollar gesteigert werden. Nicht zuletzt weil die Kürbise einfach überall reingemixt werden, angefangen beim Pumpkin Latte bei Starbucks bis hierhin

Der größte Umsatz wird allerdings mit den Kostümen gemacht. Am frühen Abend ziehen die Kinder verkleidet von Haus zu Haus und betteln um Süßigkeiten. Wir wurden gewarnt, lieber das Licht auszumachen, wenn wir keine Süßigkeiten vorrätig haben. Aber zum Glück wurden die Kinder in unserem familienorientierten Stadtteil sehr gut versorgt und wurden von den Feen schon vor den Häusern erwartet. Eine sehr nette Atmosphäre und Tradition.

Und auch für die Erwachsenen gabt es schon die ganze Woche über Halloween-Partys mit dem Höhepunkt am 31. abends in historischen Stadtteil Georgetown

Nur Schade, dass die Amis nicht auch mal ihre Straße freigeben können und sich lieber dicht gedrängt den Stau ansehen

Die Schwulen hatten schon am Vorabend mit ihrem traditionellen Higt Heel Race gefeiert. Vor 22 Jahren aus einer Wette zwischen zwei Drags, wer zuerst auf Stöckelschuhen von der einen Kneipe zur nächsten kommt, entstanden, ist es nun zu einem richtigen Rennen auf der schwulen Hauptstraße geworden, das Publikum aus der ganzen Stadt anzieht. So war es so voll, dass wir nur lauter tolle Perücken vorbei stöckeln sahen, was aber auch schon sehr witzig aussah. Hinterher konnte man dann auch die vielen schönen Kostüme bestaunen

von denen Senator Craig (der republikanische Senator aus Idaho, der im Sommer in einer Klappe in Minniapolis erwischt wurde, aber abstreitet, sexuellen Kontakt gesucht zu haben) am besten war. Zum alkohlischen Getränk konnte man dann noch lange in die Kneipen gehen.