Tuesday, May 1, 2007

Firefighter und Lokalpatriotismus

Eigentlich müsste ich endlich mal etwas über die großen poltischen Themen schreiben, die heute z.B. darin bestanden, dass Bush sein erwartetes Veto gegen den vom Kongress verabschiedeten Abzugsplan aus dem Irak eingelegt hat. Oder in den Demos, bei denen heute (vor allem an der Westküste) Tausende für eine andere Einwanderungspolitik demonstriert haben, um die 12 Millionen illegal im Land lebenden Einwanderer zu legalisieren, die teilweise sogar (freiwillig) Steuern zahlen. Oder darüber, dass der 1. Mai hier kein Feiertag, aber doch im Bewußtsein ist. Bei einer mittäglichen Bachkantatenaufführung wurde über den kommunistischen Feiertag gescherzt und bei meiner Läufergruppe wurde ich heute abend als Europäer auch auf den Arbeitertag angesprochen. Aber hier in unserem Capitol Hill gab es heute ein anderes Thema:

Als wir am Sonntagabend bei einem der Abschiedsgetränke mit Hellena zusammensaßen:


scherzten wir noch über die Feuerwehr, die mit ihren altmodischen Autos im Nachbarhaus ein- und ausparkte und am Vortag in die Schlagzeilen geraten war, weil sie einen Brand nicht rechtzeitig löschen konnte. Sie waren zur falschen Adresse gefahren.

Meine (bisher wissenschaftlich unbestätigte) These ist, dass es hier wesentlich mehr Brände gibt, täglich sieht und hört man Feuerwehrautos im Einsatz. Und dass diese Brände oft durch die nicht so strengen Bauvorschriften, insbesondere was die Elektroleitungen angeht, verursacht werden. Schon in meiner zweiten Woche hier brannte unser Nachbarhaus und ich hatte schon all unsere Wertsachen für die Evakuierung zusammen gesucht.

Am Montag morgen hatten wir dann aber nichts mehr zu scherzen: In der Nacht hatte ein Brand den von mir schon beschriebenen Eastern Market zerstört. Der Wiederaufbau der alten Markthalle wird ein bis zwei Jahre dauern und man fürchtet, dass die Händler, die ihre Stände dort teilweise seit Generationen betrieben haben, nicht so lange durchhalten werden. Ein großer Verlust, denn der Markt ist der zentrale Treffpunkt für den Stadtteil und bietet durch seine altmodischen Stände eine wohltuende Alternative zur sonstigen Supermarktkultur, so dass Leute aus der ganzen Stadt zum Einkaufen kommen.





Zum ersten Mal habe ich also ernsthaft die furchtbaren(Mord-, Totschlag- und Unfall-) Lokalnachrichten angesehen (nur wenige Stunden später gab es einen Brand in einer alten Bibliothek im Stadtteil Georgetown) und die renomierte Washington Post hat dem Brand nicht nur mehrere Seiten gewidmet (u.a. über den deutschen Architekten, der den Markt entworfen hat), sondern auch einen Kommentar.

Da Politik hier zum großen Teil aus Show und Marketing besteht, hatte unser smarter, frisch gewählter junge Bürgermeister heute zu einer Pressekonferenz vor Ort eingeladen, in der er nicht nur einen fertigen Aktionsplan vorstellte sondern sich auch sehr emotional an die anwesenden Reporter, Händler und Anwohner wendete.

interessanterweise waren die vielen Flaggen nur während der Pressekonferenz aufgehängt...

Mit Erfolg. Er bekam viel Applaus und konnte so die betroffenen AnwohnerInnen trösten. Nach solch einer Pressekonferenz ist noch weniger zu verstehen, warum es George Bush nach dem Hurricane Kathrina nicht geschafft hat, diese Katastrope positiv für sich zu nutzen. So wie damals auch nach dem 11. September der New Yorker Bürgermeister Guiliani, der seine damals erlangte Popularität nun noch für den Präsidentschaftswahlkampf nutzen kann.

Und mit Erfolg auch bei mir: Während ich mich über die T-Shirts nach dem Ammoklauf in Virginia noch lustig gemacht habe, bin ich jetzt auch hier zum Lokalpatrioten geworden und in unserem Stadtteil richtig angekommen: ich möchte ein "Eastern Market"-T-Shirt! Und sollte ich es morgen nicht bekommen, werde ich mich als Freiwilliger bei der schon am Montag gegründeten Wiederaufbaubürgerinitiative melden und T-Shirts verkaufen...