Monday, May 21, 2007

Rostropovich remembered

Vor fast genau einem Jahr haben wir das sehr bescheidene Geburtshaus Rostropovichs in Baku, Aserbaidschan, besichtigt, nicht wissend, das wir schon bald in einer anderen für ihn wichtigen Stadt leben werden. Rostropovich war 17 Jahre lang, von 1977 bis 1994 Dirigent des National Symphony Orchestra in Washington. Und dass er neben seinem musikalischen Talent und seinem Kampf für die Menschenrechte in der Sowjetunion auch eine faszinierende Persönlichkeit gewesen sein muss, konnten wir am Samstag in einem Gedenkkonzert seines ehemaligen Orchesters zu seinen Ehren im Kennedy Center erleben:



Die Cellisten-Gruppe des Orchsters spielte eine Bearbeitung der Sarabande der Bachschen Cello Suite Nr. 6, das Orchester Shostakovich, Bernstein und Tschaikowski, eingerahmt von persönlichen Abschiedsworten und am Schluss: ein Lichtspot auf das Dirigentenpult und seine Einspielung der Bach'schen Suite. Etwas überdramatisiert, aber so habe ich, wenn schon den großen Meister nicht persönlich erlebt, wenigstens einen besonderen Bezug zu ihm bekommen.

Monday, May 14, 2007

Arolsen und das Holocaustmuseum Washington

Da es mit einer Arbeitserlaubnis sehr schwierig ist und ich auf viel Glück warten und noch mehr Geduld aufbringen muss, habe ich mich entschieden, zunächst Freiwilligenarbeit zu machen, was hier auch weit verbreitet ist. So habe ich heute meinen Freiwilligen-Job im Holocaustmuseum Washington begonnen, der zum einen darin besteht, den Katalog des Datenbestands des Holocaust-Archivs in Arolsen zu übersetzen. Eine nicht ganz einfache Sache, die langen verschachtelten deutschen Sätze ins mir noch nicht ausreichend vertraute Englisch zu übersetzen. Aber deshalb neben dem Einblick in das Archiv eine nützliche Sache. Zum anderen soll ich Besuchern helfen, im bisher 200.000 Personen umfassenden Archiv von Holcaustüberlebenden nach Vorfahren oder ihnen bekannten Menschen zu suchen.

Mein Arbeitsplatz und Handwerkszeug:




Passend zu meinen Start tagte der heute der Kontroll-Ausschuss des Archivs in Arolsen, wozu die SZ diesen Artikel veröffentlichte. Zur Orientierung: diese Datenmenge aus Arolsen entspricht derjenigen, die das Holocaustmuseum hier in den letzten 25 Jahren zusammengetragen hat. Bisher haben sie nur den Katalog erhalten und hoffen, im Sommer dann den gesamten Bestand zu bekommen. Also noch viel Arbeit!


Holocaust-Archiv soll geöffnet werden
Bad Arolsen - Über eine möglichst baldige Öffnung des vom Internationalen Roten Kreuz betriebenen Holocaust-Archivs im nordhessischen Bad Arolsen soll bei der Jahrestagung des international besetzten Kontroll-Ausschusses beraten werden, die am heutigen Montag in Amsterdam beginnt. In dem Archiv, das als weltweit größte Dokumentensammlung über den Holocaust gilt, lagern Daten von etwa 17 Millionen Menschen, darunter teilweise komplette Belegungslisten aus Konzentrationslagern sowie Unterlagen über Tausende von Zwangsarbeitern. "Hinter jedem Dokument steht ein persönliches Schicksal und ein Name, der den detailliert aufgeschriebenen Leiden ein Gesicht gibt", sagt der neue Leiter des Archivs vom Internationalen Suchdienst (ISD), Reto Meister. Er plädiert für eine zügige Öffnung des Archivs, da es "ein lebendiges Mahnmal" sei, "das für die Nachwelt erhalten bleiben muss". Sein Vorgänger hatte sich jahrelang dagegen gestemmt, bis der Internationale Ausschuss, der sich aus Vertretern von elf Staaten zusammensetzt, 2006 für eine Öffnung eintrat. Mittlerweile sind sämtliche Dokumente digitalisiert, insgesamt eine Datenmenge von acht Tera-Byte, was etwa dem Speicherplatz von 80 PCs entspricht. Kopien könnten jederzeit verschickt werden, doch haben von den elf im Ausschuss vertretenen Ländern bislang nur sieben eine entsprechende Änderung der dem Archiv zugrundeliegenden internationalen Verträge ratifiziert. ckoQuelle: Süddeutsche ZeitungNr.110, Montag, den 14. Mai 2007 , Seite 5

Sunday, May 13, 2007

Open-Air-Kino

Obwohl es hier (normalerweise) viel wärmer ist als in Deutschland, gibt es leider keine Open-Air-Kinos. Trotzdem hatten wir Glück, am Samstgabend ein jährlich stattfindendes "Bike in Movie"-Ereignis mitzubekommen. Eine traumhafte location und sehr nettes Publikum, fast wie im Bethanien, Hasenheide, Museumsinsel, Volkspark...





aber wie gemein: tagelang war der Regen angekündigt und nicht gekommen. Und dann genau zum Filmstart:



Jetzt habe ich mir vorgenommen, Kontakt zu den Organisatoren aufzunehmen und anzuregen und mitzuhelfen, weitere Filmvorführungen zu organisieren.

Tuesday, May 8, 2007

langes Wochenende

Über Präsidentenwahlen kann man ja auch in der Zeitung lesen. Für diejenigen, die mehr an Fotos interessiert sind, hier ein kurzer Überblick, die einzelnen Geschichten dazu kommen noch:

endgültige Abschiedsparty der "Schwieger-Cousine", "Cousin-in-law" oder wie nennt man diesen Verwandtschaftsgrad?


Erkundung der H-Street NE, Teil von Capitol Hill, dessen Gentrifizierung gerade beginnt


Die "Rebuilt Eastern Market" T-Shirts sind so hässlich, dass wir weiterhin für bessere Dinge Werbung machen


Der Jogger in der National Mall war schneller als die Kamera...


Der 2.175 Meilen lange Apalachen Trail: leider ohne Unterkünfte und ital. Essen. Für Leute, die gerne zelten und 20 kg-Rucksäcke schleppen wollen. Trotzdem reizvoll.


immerhin noch für Güterverkehr genutze Strecke in West-Vrigina beim ehem. Bahnhof von Shepardstown


Kurort ebenfalls in West-Virginia, dessen Blütezeit schon lange vorbei ist, auch wenn das hier anders scheint.


Diner: sollte immer so original wie möglich sein. 14 inch-Pizza ist noch nicht die Größte...


und wie gut, dass auch die einsamsten Berggipfel mit dem Auto zu erreichen sind.

PräsidentInnenwahl

Auch wenn hier die Präsidentenwahl erst im November 2008 stattfinden wird, ist der Wahlkampf schon voll in Gange, allerdings auch für hiesige Verhältnisse früher als sonst. Sehr gewöhungsbedürftig ist, dass es im ersten Jahr nur um die Konkurrenz innerhalb der Parteien geht.

So gab es in den letzten Wochen zwei große TV-Shows, einmal mit 8 demokratischen, einmal mit 10 republikanischen Bewerbern. Dank meiner Vorurteile, war ich sogar positiv überrascht, dass es auch um Inhalte ging (natürlich Irak-Krieg, aber auch Umwelt-, Gesundheits-, Einwanderungs-, Steuerpolitik u.a.). Und trotzdem ist es nur eine Show, jede Frage muss in 30 sSekunden beantwortet sein und es gibt gerne Fragen, ob die Verfassung geändert werden soll damit Schwarzenegger Präsident werden kann (bisher dürfen das nur in den USA Geborene) oder ob es gut wäre, wen Bill Clinton wieder ins Weiße Haus einziehen würde... Aber bei allen bestätigten Vorurteilen gibt es auch immer wieder Kritik (von der man in Deutschland oft nicht so viel hört oder sie überhört). Dass es z.B. nicht viel Sinn macht, dass die meisten Kandidaten, die hier mitdiskutieren sowieso keine Chance haben und es besser wäre, wenn es Duelle zwischen den beiden jeweils aussichtsreichsten Kanditaten gäbe.

Auch zum anderen großen Thema habe ich erfreulicherweise Kritik gehört: Die Wahlkampfspenden. Jeweils zum Quartalsende müssen die Bewerber sowohl ihre Spenden- als auch ihre Ausgaben bis ins Details offenlegen. Da jedeR US-BürgerIn maximal 2.300 $ spenden darf, wird die Spendensumme auch als Zeichen der WählerInnebasis gesehen. Im ersten Quartal 2007 wurden alle bisherigen Rekorde bei weitem übertroffen. So gab es (wenn auch eher im Stillen) Diskussionen, wie man dies begrenzen könnte.

Insbesondere für das Spendensammeln spielt das Internet eine zunehmend größere Rolle und das gute Spendenergebnis von Barack Obama wird auch als Ergebnis seiner guten Internetseite und -aktivitäten gesehen. Aber bei Youtube ist Europa ja auch schon angekommen, wenn Blair Sarkozy übers internet gratuliert.

Das französiche Wahlergebnis wurde hier sofort von beiden Seiten interpretiert: Die Republikaner sehen es als Chance, dass auch sie gegen das schlechte Image ihres derzeitigen Präsidenten (29% Zustimmung in der Bevölkerung) gewinnen können, aber nur wenn sie eine wirklich neue Politik in Aussicht stellen (was derzeit noch nicht zu erkennen ist). Und Hillary bemühte sich, die Unterschiede (insbesondere in Bezug auf ihre Außenpolitik der Stärke und weniger Betonung ihrer Weiblichkeit) darzustellen. Denn bisher wurde Royal gerne als unterstützdendes Beispiel gezeigt, dass auch Frauen zu Präsidentinnen gewählt werden können.

Heute beendet die Queen ihren Staatsbesuch aus Anlaß des 400. Jahrestags der ersten dauerhaften englischen Siedlung in Amerika (zum 350. Jahrestag war sie übrigens auch schon da). Nachdem die Begeisterung hier im Land zunächst zögerlich war, wurde über das gestrige Staatsdinner im Weißen Haus nun doch groß berichtet. Aber vielleicht auch weil es das erste "white-tie"-Dinner der Bush-Administration war, zu dem die beiden Damen Laura Bush und Condoleza Rice ihren Mann erst überreden mussten, weil er nicht auf solche formale Veranstaltungen steht.
Aber auch die Begeisterung für die Queen wird von den wahren "revolutionären Amerikanern" kritisch gesehen. Denn sie sehen die Demokratie in Gefahr, da auch hier die Abstammung eine immer größere Rolle spielt: zum achten Mal in Folge, seit 28 Jahren, ist hier nun ein Bush oder ein Clinton in den Kampf ums Präsidentenamt involviert.

Ich werde jetzt versuchen, noch ein Orgiginalfoto der Queen für den blog einzufangen.

Tuesday, May 1, 2007

Firefighter und Lokalpatriotismus

Eigentlich müsste ich endlich mal etwas über die großen poltischen Themen schreiben, die heute z.B. darin bestanden, dass Bush sein erwartetes Veto gegen den vom Kongress verabschiedeten Abzugsplan aus dem Irak eingelegt hat. Oder in den Demos, bei denen heute (vor allem an der Westküste) Tausende für eine andere Einwanderungspolitik demonstriert haben, um die 12 Millionen illegal im Land lebenden Einwanderer zu legalisieren, die teilweise sogar (freiwillig) Steuern zahlen. Oder darüber, dass der 1. Mai hier kein Feiertag, aber doch im Bewußtsein ist. Bei einer mittäglichen Bachkantatenaufführung wurde über den kommunistischen Feiertag gescherzt und bei meiner Läufergruppe wurde ich heute abend als Europäer auch auf den Arbeitertag angesprochen. Aber hier in unserem Capitol Hill gab es heute ein anderes Thema:

Als wir am Sonntagabend bei einem der Abschiedsgetränke mit Hellena zusammensaßen:


scherzten wir noch über die Feuerwehr, die mit ihren altmodischen Autos im Nachbarhaus ein- und ausparkte und am Vortag in die Schlagzeilen geraten war, weil sie einen Brand nicht rechtzeitig löschen konnte. Sie waren zur falschen Adresse gefahren.

Meine (bisher wissenschaftlich unbestätigte) These ist, dass es hier wesentlich mehr Brände gibt, täglich sieht und hört man Feuerwehrautos im Einsatz. Und dass diese Brände oft durch die nicht so strengen Bauvorschriften, insbesondere was die Elektroleitungen angeht, verursacht werden. Schon in meiner zweiten Woche hier brannte unser Nachbarhaus und ich hatte schon all unsere Wertsachen für die Evakuierung zusammen gesucht.

Am Montag morgen hatten wir dann aber nichts mehr zu scherzen: In der Nacht hatte ein Brand den von mir schon beschriebenen Eastern Market zerstört. Der Wiederaufbau der alten Markthalle wird ein bis zwei Jahre dauern und man fürchtet, dass die Händler, die ihre Stände dort teilweise seit Generationen betrieben haben, nicht so lange durchhalten werden. Ein großer Verlust, denn der Markt ist der zentrale Treffpunkt für den Stadtteil und bietet durch seine altmodischen Stände eine wohltuende Alternative zur sonstigen Supermarktkultur, so dass Leute aus der ganzen Stadt zum Einkaufen kommen.





Zum ersten Mal habe ich also ernsthaft die furchtbaren(Mord-, Totschlag- und Unfall-) Lokalnachrichten angesehen (nur wenige Stunden später gab es einen Brand in einer alten Bibliothek im Stadtteil Georgetown) und die renomierte Washington Post hat dem Brand nicht nur mehrere Seiten gewidmet (u.a. über den deutschen Architekten, der den Markt entworfen hat), sondern auch einen Kommentar.

Da Politik hier zum großen Teil aus Show und Marketing besteht, hatte unser smarter, frisch gewählter junge Bürgermeister heute zu einer Pressekonferenz vor Ort eingeladen, in der er nicht nur einen fertigen Aktionsplan vorstellte sondern sich auch sehr emotional an die anwesenden Reporter, Händler und Anwohner wendete.

interessanterweise waren die vielen Flaggen nur während der Pressekonferenz aufgehängt...

Mit Erfolg. Er bekam viel Applaus und konnte so die betroffenen AnwohnerInnen trösten. Nach solch einer Pressekonferenz ist noch weniger zu verstehen, warum es George Bush nach dem Hurricane Kathrina nicht geschafft hat, diese Katastrope positiv für sich zu nutzen. So wie damals auch nach dem 11. September der New Yorker Bürgermeister Guiliani, der seine damals erlangte Popularität nun noch für den Präsidentschaftswahlkampf nutzen kann.

Und mit Erfolg auch bei mir: Während ich mich über die T-Shirts nach dem Ammoklauf in Virginia noch lustig gemacht habe, bin ich jetzt auch hier zum Lokalpatrioten geworden und in unserem Stadtteil richtig angekommen: ich möchte ein "Eastern Market"-T-Shirt! Und sollte ich es morgen nicht bekommen, werde ich mich als Freiwilliger bei der schon am Montag gegründeten Wiederaufbaubürgerinitiative melden und T-Shirts verkaufen...