Nun bin ich schon seit drei Wochen in Washington DC (!), das sich aber immer noch mehr nach Urlaub als nach neuem zu Hause anfühlt. Was sicher auch damit zusammenhängt, dass sich Peter in meiner zweiten Woche Urlaub genommen hat und wir die nähere und fernere Umgebung Washingtons erkundet haben. Dazu gehörten: Die östlich gelegene Chesapeake Bay, die rießige (über 100 Meilen lange) Bucht, in die der durch Washington fließende Patomac mündet, deren Halbinseln durch faszinierende Brückenbauwerke mit dem Festland verbunden sind und wo die kleinen Städtchen mit Namen wie Oxford, Cambridge oder Easton sich damit rühmen, dass sie zu den ältesten Siedlungen im Land gehören.
100 Meilen (160 km) von Washinton aus in Richtung Westen erreicht man die Appalachen, die sich von Neufundland bis nach Alabama erstrecken und von ihrer Höhe eher an den (heimatlichen) Schwarzwald erinnern. Im dortigen Shenandoah National Park haben wir eine kleine Wanderung (mit Gipfelbesteigung)
gemacht, teilweise noch durch Schnee, der aber leider nicht mehr zum Skifahren ausreichte. Der Höhepunkt der Urlaubswoche war dann eine 6-stündige Autofahrt zu den Outer Banks, einer dünnen Sandbank an der Atlantikküste North Carolinas, die jetzt im kühlen Frühjahr noch von Touristenmassen verschont war und deren einsamen Strände dadurch besonders schön waren.
Die 450 km lange Fahrt, die uns auch wegen des hier ohne Diskussionen eingehaltenen Tempolimits von 65 Meilen/h (100 km/h) sehr weit vorkam, relativiert sich erschreckend, wenn man sich die Strecke auch einer USA-Gesamtkarte ansieht. Meinen urpsrünglichen Plan, bald einen kleinen „Antrittsbesuch“ bei einer Freundin in Seattle zu machen, hat inzwischen verschoben. Die Flugreise dorthin dauert länger als eine Reise von Deutschland nach Israel.
Erfreulicherweise kann man aber auch direkt von Washington aus sehr schöne Ausflüge machen, z.B. Fahrradtouren auf speziellen Radwegen (weil man auf normalen Straßen wirklich nicht fahren mag)
, die aber (für mich besonders interessant) auf umgesatlteten ehemaligen Bahnlinien verlaufen. Wenn schon nicht mit dem Zug fahrend, lerne ich so wenigsten ein bischen die Eisenbahngeschichte der USA kennen.
Hier in Washington DC wohnen wir im sehr netten und ruhigen, aus kleinen Häuschen bestehenden Stadtteil Capitol Hill, der östlich des Capitols, dem geographischen und politischen Zentrum liegt. Wird in den Nachrichten über die Debatten in Senat und Repräsentantenhaus berichtet, wird aus „Capitol Hill“ berichtet, dann ist aber nicht unser Stadtteil gemeint, sonder der Hügel auf dem das Capitol liegt und von der ganzen Stadt aus zu sehen ist. Noch bis in die 80er-Jahre war unser Stadtteil als heruntergekommen und kriminell verrufen, doch auch hier hat in den letzten Jahren die gentrification ihre Spuren hinterlassen: Die ärmere, schwarze Bevölkerung ist verdrängt worden zu Gunsten von Yuppies und Familien mit Kindern und Hunden. Was aber für uns den Vorteil hat, dass es eine nette, reaktivierte kleine Einkausstraße
| Einkaufsstraße 8th Street SE (in der früher auch eine Straßenbahn fuhr...) |
Die 60 qm „one bedroom“ Wohnung besteht aus besagtem Schlafzimmer, einem offenen Wohnzimmer und einer offenen Küche. Eine noch gewöhungsbedürftige Situation für ein Paar, das noch nie zusammengewohnt hat. Wegen der ungünstigen Zeitverschiebung verlässt Peter das Haus aber schon am frühen Morgen, um rechtzeitig vor den deutschen Redaktionsschlüssen noch die wichtigsten Themen bearbeiten zu können. Ich geniese dann, seit langem einmal wieder in Ruhe Zeitung lesen zu können, angefangen mit der Washington Post, dann im Internet taz und SZ, abends kommen aus dem Büro noch die New York Times und die Druckausgabe der FAZ hinzu. Und aufgrund des anscheinend gut funktionierenden Anzeigengeschäfts gibt es unzählige kostenlose Stadtteil- und Szenezeitungen, in unterschiedlicher Qualität, die ich jetzt am Anfang aber auch noch mit großem Interesse lese. Die gute Internetanbindung verbindet mich zum einen intensiv mit der alten Heimat, gibt mir aber auch die Möglichkeit, mich über die Stadt und das Leben in ihr auf sehr praktische Art und Weise zu informieren. Bevor ich dann natürlich zu meinen Erkundungstouren per Fahrrad starte.
Zur Internetrecherche gehört auch der tägliche Blick auf den online-Stellenmarkt (craigslist), bei dem ich bequem nach dem Kriterium „German“ suchen kann, sowie die Suche nach anderen Arbeitsmöglichkeiten im Deutsch-Amerikansichen Umfeld. Die Ergebnisse sind bisher noch nicht so Hoffnung machen. Gestern sah ich mal wieder eine interessante Stelle bei der deutschen Schule, bei der aber eine Arbeitserlaubnis die Voraussetzung ist, die ich ja wiederum nur bekommen, wenn sie ein Arbeitgeber für mich beantragt... Auch meine winzig kleine Hoffnung, eine greencard zu gewinnen, hat sich leider für dieses Jahr wieder zerschlagen. Gerade wurden die Gewinner bekannt gegeben und ich werde mich erst im Herbst wieder neu bewerben können. Ich werde mich also in den nächsten Wochen intensiv um persönliche Kontakte zu möglichen Arbeitgebern kümmern. Erfreulicherweise habe ich über verschiedene Freunde schon Konatkte zur Böll-Stiftung, zum Holocaust-Museum, der deutschen Botschaft... Aber zunächst werde ich mich auf ein Leben ohne Arbeitsstelle einstellen, was auch eine interessante Erfahrung ist und mir Zeit für andere Dinge im Leben lässt.
Mein Cello ist noch nicht zum Einsatz gekommen (und muss nach einem kleinen Schaden durch den Flug erst repariert werden) und ich habe mich auch noch nicht um Musik- oder Sportgruppen gekümmert, aber das wird noch kommen, zumal es gut wäre, intensivere englischsprachige Kontakte zu bekommen. Aber ich gehe regelmäßig, wie viele andere auch, in der National Mall Joggen, ein tolles Gefühl.
In der letzten Woche habe ich verschiedene Filme bei einem großen Environmental Filmfestival gesehen. Eine schöne Bereicherung des sonst etwas dürftigen Kino-Angebots. Das Theaterangebot ist leider sehr Musical-ausgerichtet und mangels staatlicher Unterstützung auch relativ teuer. Andere öffentliche Angebote sind zu meinem großen Erstaunen kostenlos. So z.B. die Schwimmbäder und auch die zahlreichen Büchereien. So bin ich schon im Besitz einer Library Card und lese gerade mit Begeisterung ein Buch über den Bau der Washingtoner Metro aus dem Blickwinkel von Städtebau und Sozialpolitik. Die vielen Think Tanks laden zu zahlreichen Vorlesungen und Dikussionsveranstaltungen ein, die das intelektuelle Leben hier außerordentlich interessant machen sollen. Hier werde ich mich noch auf die Einladungslisten setzen lassen müssen.
Jetzt am Anfang bestätigen sich natürlich viele Vorstellungen, die man aus Europa mitbringt: Ungesunde Ernährung, großer Nationalstoltz und USA-Zentriertheit, Ausrichtung des Fortbewegung auf das Auto, keine Sensibilität für Umweltschutz... Zum einen gewöhnt man sich erstaunlich schnell an vieles, zum anderen gibt es gerade im Bereich des Umweltschutzes viele Diskussionen und Bewegung.
| Umweltdemo vor dem Capitol |
Capitol Hill, 27. März 2007