Besonders interessant daran: Hunderttausende waren bzw. sind im Großraum Washington ohne Strom, weil hier fast alle Stromleitungen oberirdisch verlaufen und noch dazu sehr lose über den Straßen hängen. So fällt in vielen Schulen in dieser Woche der Unterricht aus, ganz normal hier nach stürmischen Regenfällen.
Am letzten Wochenende sind in DC neun Menschen ermordert worden und damit ist die Zahl der Mordopfer in diesem Jahr abermals höher als im Vorjahr. Der Bürgermeister plant zwar auch soziale Projekte in den besonders betroffenen armen (und meist schwarzen) Stadtteilen, aber nachdem in den letzten Wochen die Polizeipräsenz besonders an den Wochenenden schon stark erhöht wurde, gibt es für die nächsten 5-10 Tage eine besondere Aktion: Die Polizei wird Straßensperren errichten und nur noch diejenigen Leute in die gefährdeten Stadtteile hineinfahren lassen, die einen Grund dafür angeben können. So ist das im besten Land der Welt.
Ob Obama daran etwas ändern wird? Gestern sprach er auf jeden Fall zum Auftakt seines Hauptwahlkampfes in Virginia und wir nutzen die Chance ihn live zu erleben trotz aller Warnungen vor einem Verkehrschaos auf dem Weg zum Stadion, das nur per Auto zu erreichen war.
Als Al Gore im Jahr 2000 gegen Bush verloren hat, obwohl er mehr Stimmen bekommen hatte, ist das ungerechte US-Wahlsystem besonders deutlicher geworden. Da der Kandidat mit den meisten Stimmen in einem Staat jeweils die gesamten Wahlmänner des Staates bekommt (The winner takes it all) kann so ein Ergebnis herauskommen. Fast schlimmer ist aber, dass durch dieses System die Staaten unterschiedlich interessant sind. In der Mehrzahl der Staaten ist nämlich vor der Wahl sowieso schon klar, welche Partei gewinnen wird, so dass sich der Wahlkampf nur auf die Swing/Battleground-Staates konzetriert. In 2004 waren das nur 13 Staaten mit der Folge, dass in den meisten Staaten kein Cent für den Wahlkampf ausgegeben wurde und die Kandidaten sich dort auch nicht sehen lassen. U.A. mit der Folge, dass in den "Throw away Staaten" die Wahlbeteiligung (insbesondere bei jüngeren Wählern) deutlich niedriger ist und die Themen, die in diesen Staaten eine Rolle spielen, im Wahlkampf nicht vorkommen.

Anfang dieser Woche war ich auf einer interessanten Veranstaltung der Organisation FairVote, die sich für ein demokratischeres Wahlsystem einsetzt. Erstaunlicherweise sind 70% der Bevölkerung für eine Änderung des bestehenden Systems, aber aufgrund von komplizierten politischen Verhältnisse und dem Glauben in die reine, ursprüngliche Verfassung aus dem 18. Jahrhundert, die großen Wert auf die Eigenständigkeit der Staaten legt, scheint dies nur schwer möglich.
Obama war also gestern in Virginia, das eigentlich ein konservativer Südstaat ist und 1964 zum letzten Mal eine demokratische Mehrheit bei einer Präsidentenwahl hatte. Aufgrund des starken Bevölkerungswachstums in den Vororten von DC, die in Virginia liegen, hat sich die Bevölkerungsstruktur aber zu Gunsten der Demokraten geändert und Virginia wird dieses Jahr zum Battleground.
Obamas Rede konnen wir wie üblich fast mitsprechen, aber interessant waren zwei Beobachtungen. Neben uns saßen zwei ältere Frauen, die klassischen Hillary-Wählerinnen. Und als solche outeten sie sich dann auch, sagten aber, dass sie kein Problem haben, auf Obama umzuseten und sich nun informieren wollten. Und nach anfänglicher Zurückhaltungen waren sie dann später mit voller Begeisterung dabei.
Weniger ermutigend hingegen fand ich, dass weit mehr über die Hälfte der TeilnehmerInnen Schwarze waren. Es war zwar mehr als schön zu sehen, mit welcher Begeisterung und Stolz sie ihrem Kandidaten zujubelten, aber für Obamas Wahlkampf bedeutet es, dass er noch sehr viel Überzeugungsarbeit bei den weißen Amis zu leisten haben wird. Es gibt auch die Vermutung, dass viele WählerInnen sich bei Umfragen nicht trauen zu sagen, dass sie nicht für einen schwarzen Kandidaten stimmen würde, bei der Wahl es aber tatsächlich nicht tun werden. Wenn das so ist, ist der knappe Umfragenvorpsrung Obamas besorgniserregend.