Dass ich ein halbes Jahr nicht arbeiten musste und das auch sehr lange genießen konnte, war eine einmalige Möglichkeit der Auszeit. Die Freiwilligenarbeit im Holocaustmuseum mit den gerade freigegebenen Akten des Roten Kreuzes aus Bad Arlosen war dabei eine sehr interessante Ergänzung.
Gerade als ich nicht mehr ganz zufrieden war ohne einen Job als ein Teil der Identitätsstiftung fand ich Braxtons Steuerbüro. Zunächst bot es den Vorteil der lockeren Auslegung meiner Arbeitserlaubnis. Dann kam unser “Deal” hinzu, der mir ermöglicht hat, zu Reisen und so viel Zeit für Besuch zu haben. Neben dem dadurch intensiven Einblick in amerikansiches Arbeitsleben, war es natürlich auch toll (fast) alle deutschen Korrespondenten in den USA (und darüber hinaus US- und andere internationale Medienleute) kennenzulernen.

Großes Glück natürlich auch, dass es mit uns beiden in der gemeinsamen und zudem auch noch kleinen Wohnung so gut geklappt hat und wir unserer gemeinsames Leben hier so entwickelt und genossen haben.
Dass auch die Rückkehr nach Berlin so von Glück geprägt ist, ist schon verrückt. Die tolle neue Stelle, Rückkehr nur mit zwei Monaten Abstand voneinander und dann auch noch der direkte Einzug in die Wohnung in der Böckhstrasse.

Eigentlich hatte ich ja vorher keine besonders große Lust, in die USA und besonders auch nach DC zu gehen. Aber nun muss ich sagen, dass ich mehr als froh bin, diese Möglichkeit gehabt zu haben und es eine große Bereicherung war. Selbst für touristische Attraktionen benötigt man mehr als einen Tag.
Den größten Spaß hat es sicher gemacht, das politische Geschehen dieser Supermacht so intensiv zu verfolgen. Tägliches Washington Post und New York Times lesen sowie die (schon aus Bremer WG-Zeiten) traditionelle Newsstunde (die hier teilweise bis zu zwei Stunden dauerte) hatten einen wichtigen Teil in unserem Leben.
Angefangen noch mit den letzten der schlimmen Bush-Jahre, die von der Diskussion um den Irak-Krieg dominiert waren.
Dann der historische und spannende Wahlkampf zwischen Hillary und Obama, der ja zum Glück ein so gutes Ende hatte.
Die Euphorie nach dem Sieg, Inauguration, aber auch die ersten Obamajahre mit der Frage, wieviel "Change" er tatsächlich bringen wird.
Und dann aber auch wieder der so extreme und für die USA so typische Rückschlag in den Midterm-Elections.
Beim Verfolgen dieser Entwicklungen war es natürlich besonders spannend, das politische System der USA so intensiv kennenzulernen. Und bei der Kritik natürlich immer Vergleiche zu ziehen und auch in Frage zu stellen, ob unser System denn tatsächlich besser ist und wie Demokratie am besten funktioniert.

Das Vergleichen der verschiedenen Systeme spielte immer und in vielen Bereichen eine wichtige Rolle und ist sicher das Diskussionsthema Nummer eins, wenn mann sich mit anderen Deutschen (Journalisten) trifft.
Einer der interessantesten Vergleiche war für mich immer die Frage des Steuersystems und damit verbunden auch die Frage, ob weniger Steuereinnahmen hier tatsächlich durch mehr Spendenbereitschaft und ehrenamtliche Arbeit ausgeglichen und aufgefangen wird. Ich bin da ja sehr skeptisch aber würde gerne in einem anderen Leben wissenschaftlich dazu arbeiten. Auch die Frage, was man für seine Steuern bekommt: Schlechte Schulen, kaputte Straßen, Stromausfall, wenn's mal ein bischen schneit...

Die Tatsache, dass sich fast alle Amis für niedrige Steuern und wenig Einmischung des Staates aussprechen, war eine der am schwersten zu begreifenden Beobachtungen. Erstaunlich, dass es der Großteil der Bevölkerung hinnimmt und richtig findet, dass die sozialen Ungleichheiten so groß sind und es hier so viel Armut gibt, während andere in einem unglaublichen Reichtum leben.
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Unter anderem auch in diesem Zusammenhang fand ich die Situation der Schwarzen in den USA und die nach wie vor bestehenden Rassenunterschiede sehr schockierend, aber auch faszinierend, weil sie zwar statistisch leicht zu erkennen sind, aber so schwer zu erklären und begreifen sind. Und diese Unterschiede gehen auch über die sozialen hinaus und bestehen zum großen Teil auch aus kulturell sehr unterschiedlichen Welten. Diese Unterschiede hier im tag-taglichen Leben zu erfahren haben auf jeden Fall zum Verständnis beigetragen.
Viel Spaß hatte ich auch daran, die USA als Einwanderungsland kennenzulernen und hätte nicht daran gedacht, dass sie mich so oft an meine Zeit in Israel erinnern würden. Besonders spannend waren immer wieder die Begegnungen mit deustchstämmigen Amerikanern und ihren Lebensgeschichten bis hin zu der meiner eigenen Großtante.
Aber auch die sonstige kulturelle Vielfalt waren interessant und eine tolle Erfahrung. Im normalen Alltag Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen mit einer recht großen Normalität zu begegnen ist man aus Deutschland nicht gewohnt. So z.B. mein Kollege, der im Alter von zwei Jahren mit seinen Eltern aus dem Iran eingewandert ist und so Ur-amerikanisch ist und dann manchmal aber doch auch wieder stark mit seiner persischen Familie und Kultur verbunden ist.

Und nicht zuletzt hatte ich natürlich auch großen Spaß, jüdisches Leben hier so anders als in Israel oder Deutschland kennenzulernen.
Viel gäbe es noch von Beobtungen der unterschiedichen Kulturen zu berichten, z.B. von meinem großen Interesse an der Städtebaukultur und der damit zusammenhängenden Verkehrskultur.

Aber am spannendsten ist sicher die Beobachtung, wie sich die freundschaftlichen Kontakte zu den "echten" Amerikanern entwickelt haben. Immer wieder beruhigend ist es, von anderen Deutschen zu hören, dass sie auch (so gut wie) keine RICHTIGEN amerikanischen Freunde haben. Die Analyse ist nicht so einfach, besteht aber in etwa darin, dass die Lebensweise- und kulturen, auch wenn sie zunächst so ähnlich erscheinen, doch so unterschiedlich sind, dass es wenig Gemeinsames gibt, was zu einer tieferen Freundschaft führen kann. Auch dies eine Erfahrung die man nur machen kann, wenn man hier länger gelebt hat.

Aber natürlich hat der Aufenthalt hier auch besonders von unserer unzähligen Reisen gelebt. 46 bzw. 47 Staaten haben wir immerhin geschafft und die Frage, welches der interessante ist, muss an anderer Stelle erörtert werden.
Mindestens genauso toll waren aber die vielen Besuche die wir hatten. Den meisten (oder allen?) ging es zum Glück so wie mir, dass ihnen Washington doch viel besser gefallen hat und sie es interessanter fanden als sie vorher gedacht hatten.

Jetzt in den letzen Tagen steht die Frage im Vordergrund, was mir in Deutschland fehlen wird. Und (leider?) muss ich (zumindest aus derzeitiger Perspektive) sagen, dass es nicht so viel sein wird. Natürlich werde ich das Einkaufen spät nachts und am Sonntag vermissen, aber das ist ja auch gut so. Am ehesten wird mir erstaunlicherweise etwas fehlen, wovor ich vorher eher etwas Angst hatte: Die heißen Sommer, die bedeuteten, dass man von April bis Oktober fast jeden Abend draußen sitzen konnte. Aber wer weiss, vielleicht wird mir doch bald mehr fehlen?
Das DC-Abschiedsessen musste allerdings drinnen stattfinden.