Tuesday, April 22, 2008

Clinton und Moses

Mit (je nach Definition und Schätzweise) 5-7 Millionen und einem Bevölkerungsanteil von 2-2,5 % leben in den USA wahrscheinlich mehr Juden als in Israel, was mir natürlich viel Spaß zu beobachten macht. So freute ich mich, dass schon vor Wochen statt der Osterhasen diese Regale in den Supermärkten auftauchten:

Wir haben einige der Leckereien ausprobiert, die beste Attraktion waren neben den in Schokolade versteckten Matzen sicherlich die für Pesach koscheren, in Schokolade gehüllten Maschmellows.
Nachdem ich im letzten Jahr nur gehofft hatte waren wir in diesem Jahr tatsächlich zu einem Seder-Abend, dem ersten Tag des Pessach-Festes eingeladen. Nach zwei dieser sehr traditionellen jüdischen Familienfesten, die ich in Israel erlebt hatte und einem Seder-Abend in einer religiösen Familie in New York, war dieses nun nochmal ein ganz anderes Erlebnis: Die traditionelle Liturgie wurde nach einer Humanistischen und Modernen Haggadah begangen, die angereichert war mit feministischen und homo-solidarischen Elementen und derenen Betonung noch mehr auf der Befreiung von Unterdrückung lag, als das normal schon der Fall ist. Die größtenteils jüdischen, allerdings nicht religiösen Gäste konnten sowohl über die traditionellen Textstellen als auch über die teilweise bemüht modern wirkenden Passagen lachen, aber es wahr sehr interessant zu sehen, wie sie von ihren Erinnerungen an ihre eigenen Familiensederabende doch auch emotional erzählten. Und so war es neben einem einem "feucht-föhlichem" Abend mit süßem Manischewitz-Passover-Wein ein interessanter Einblich in das jüdische Amerika, das es noch mehr kennezulernen und über das es noch viel zu erzählen gibt.

Bekanntermaßen spielen Juden in der amerikanischen Politik eine (viel diskutierte) politische Rolle, so dass die drei PräsidentschaftskandiatInnen entsprechende Pessach-Botschaften veröffentlichen, die dann wiederum von den Medien interpretiert wurden. John McCain, der das Gedenken der Familien an die gebrachten Opfer betonte (man denkt natürlich gleich an die Irakkriegsgefallenen, er erwähnte aber drei von Hamas und Hesbollah gefangen gehaltene Soldaten) wurde als Zionist gesehen. Obama konzetrierte sich mehr auf die Lernerfahrung und das Infragestellen der Welt, wie sie ist, was natürlich gut zu seinem Wahlkampfthema "Change" passt und von der New York Times als hip, multikulturell, New Age bezeichnet wurde. Hillarys Botschaft wurde als die persönlichste, nach einem leicht altmodisch-klingenden Reform-Rabbi klingende eingestuft: "Ich bin tief bewegt von diesem zeitlosen Schrei, gegen Unterdrückung, Tyrannai und Diskriminierung aufzustehen, wo immer sie zu finden sind"
Und heute legte die Washington Post noch einmal nach: Clinton hätte noch etwas weiter in der Bibel lesen sollen, denn es wird ihr wohl wie Moses ergehen: Nach allem, was er getan hat, im Alter von 120 Jahren und nach 40 Jahren in der Wildness, war es ihm nicht vergönnt, ins gelobte Land auf der anderen Seite des Jordans zu kommen. (Ich schreibe das wenige Minuten bevor die Wahllokale in Pennsylvania schließen...)

Wednesday, April 16, 2008

Emancipation Day II

Auch der Blog ins zweite Jahr gekommen und ich habe letztes Jahr schon über den Emancipation Day berichtet, der an die Aufhebung der Sklaverei in DC 1861 erinnert. Bei traumhaftem Sommerwetter war ich heute bei einer Gedenkveranstaltung im ehemaligen Haus Frederick Douglass', einem berühmten African American, der im 19. Jahrhundert unter anderem für die Abschaffung der Sklaverei kämpfte. Und mit sehr schönem Blick im heutigen Problemstadtteil Anacostia lebte.

Großes Thema ist heute auch der Jahrestag des Massakers auf dem Campus der Virginia Tech University in Blacksburg, dem mit vielen Berichten und in verschiedenster Weise gedacht wird.

Das beherrschende Thema aber, über das wie ich hörte auch in Deutschland groß berichtet wird, ist der Papstbesuch. Ich habe mir das Anschauen des Papamobils vor dem Weißen Haus erspart. Aber im nagelneuen, vor zwei Wochen eröffneten Baseball- Stadion ganz in unserer Nähe wird seit 5 Tagen für die morgige Messe umgebaut.

Bush wird an der Messe nicht teilnehmen, um die Sicherheitsvorkehrungen nicht noch aufwändiger zu machen. Die Medien sind voll mit Berichten über die (Minderheit der) Katholiken und ihr (kritisches) Verhältnis zum Papst und auch die demokratischen Präsidentschaftskandidaten haben am Sonntag Abend bei CNN über ihren Glauben berichten dürfen.
Der eigentliche Feiertag für mich aber ist das Ende der tax season. Das Büro ist heute geschlossen und ich geniese einen Tag wie vor der Arbeit im Steuerbüro mit Frühstück im Nachbarschaftsdiner in Capitol Hill und Zeitungslektüre auf dem Quasi-Balkon.

ALLE US-Bürger müssen am 15. April ihre Steuererklärung fürs Vorjahr abgeben, was recht früh ist und dazu führt, dass die Zeit für die Zusammenstellung der Erklärung sehr knapp ist. Mann kann zwar eine 6-monatige Extension beantragen, muss aber trotzdem bis zum 15. April seine Steuern bezahlen. Auch in den USA gibt den direkten Abzug von Steuern durch den Arbeitgeber und den deutschen Lohnsteuerkarten vergleichbare "W2"-Formulare. Aber die Regelungen für dieses Einbahlten scheinen wesentlich lockerer zu sein, so dass viele Leute trotzdem Steuern nachzahlen müssen. Für verspätete Zahlungen scheint es hohe Strafen zu geben, zumindest haben alle davor große Angst. Da für die Abgabe der Steuererklärung das Datum des Poststempels entscheidend ist, haben die Postämter in den USA am 15. April bis 24 Uhr geöffnet, es gibt lange Schlangen und noch heute fand ich vor der Public Library diese Kiste für SteuerzahlerInnen in Not:

Da alle am 15. April abgeben müssen, ist es eine kollektive Betroffenheit und diesem Tag wird in den Medien viel Aufmerksamkeit gewidmet, sowohl was den Stress der Abgabe angeht aber auch Diskussionen über das Steuersystem. Und John McCain hat den Tag gestern genutzt, um sein ökonomisches Wahlprogramm vorzustellen, das niedrige Steuern vorsieht. Und das obwohl schon heute 40% der Bundessteuern für Militärausgaben benötigt werden.
Bereits kurz nach 6 p.m. öffnete Braxton gestern die Champangnerflaschen und man kann sich die entspannte Stimmung auf der sonnigen Dachterasse des Büros vorstellen. Zur Verabschiedung fielen sich alle um den Hals, ich wurde gewarnt, dass ich eine bereits geöffnete, noch fast volle Flasche zwar mitnehmen kann, aber damit sehr aufpassen solle in der Metro. Und wir schwulen Kollegen zogen dann auch noch in die einschlägigen Kneipen weiter. Heute morgen dann noch Erinnerungen an den Abend, aber vor allem ein befreites Gefühl.

Thursday, April 3, 2008

The Fires of 68


Morgen jährt sich zum 40. Mal der Tag der Ermordung Martin Luther Kings. Wie dem Blog wahrscheinlich anzumerken ist, beschäftigt mich das Thema Rassendiskriminierung stark und spielt durch die guten Chancen Barack Obamas erster schwarzer Päsident zu werden, eine gewisse Rolle in der derzeitigen politischen Diskussion. Dabei ist interessant, dass die alte Frage, die auch in den 50er und 60er Jahren eine große Rolle in der Bürgerrechtsbewegung spielte nach wie vor aktuell ist: Ist eine Veränderung durch radikale und provokative Forderungen zu erzielen oder durch den Gang durch die Institutionen? Dass Obama überhaupt Chancen hat, liegt sicher an seinem Versuch, die Frage der Rassendiskriminierung nicht zu intensiv und im Vordergrund zu diskutieren. Und doch kann es gut sein, dass seine Wahl daran scheitern wird, dass zu viele Weiße auch weiterhin nicht bereit sind, einen schwarzen Kandidaten zu wählen (allerdings noch mehr Männer nicht bereit sind, eine Frau zu wählen...).


Was ich erst hier in den USA gelernt habe: Die Ermordung Kings war auch deshalb in den USA so einschneidend, weil in über 100 amerikanischen Städten im Anschluss an die Ermordung Unruhen ausbrachen, deren Folgen bis zum heutigen Tage ihre Spuren in den Städten hinterlassen haben. Hier ein Foto des brennenden Washingtons am 5. April 1968. Die ohnehin seit den 30er Jahre massive Abwanderung aus den Innenstädten in die Vororte wurde dadurch nocheinmal verstärkt und die Innenstädte verkamen immer mehr. Erst in den 80er und 90er Jahren begann man, die Innenstädte wieder richtig aufzubauen. Die Washingtoner U-Street ist dafür ein Vorzeigeprojekt, das es schon ins ZEIT-Magazin geschafft hat:

Auch unsere Hauptgeschäftsstrasse in Capitol Hill, die 8. Straße wurde 1968 völlig zerstört, hat sich aber ebenfalls in den letzten Jahren unter großen Anstrengungen wieder gut entwickelt. In der auch zu Capitol Hill gehörenden H Street sieht es aber noch anders aus:

Auf den Blog-Fotos wahrscheinlich nur schwer zu erkennen: Diese Strasse und Gegend ist völlig heruntergekommen, man sieht noch die Spuren der 68er Unruhen und man hat fast ein bischen Angst, dorthin zu gehen. Aber gleichzeitig wird auch hier versucht, Stadtentwicklung zu betreiben, coole Läden und Kneipen siedeln sich dort nach und nach an und man kann die Gentrifizierung bestens beobachten. Mit dem Effekt, dass die Mieten ansteigen, und die dort bisher lebende arme, überwiegend schwarze Bevölkerung in die Vororte ziehen muss...
Aber wir freuen uns natürlich, unsere Sonntage in den neuen Cafes zu verbringen: