Saturday, January 26, 2008

tax season

Seit ich arbeite kommt meine ursprüngliche Idee, im Blog zu einzelnen Themen zu schreiben, aus zeitlichen Gründen immer kürzer und der Blog wird tatsächlich mehr zum normalen Tagebuch. Und dieser Eintrag kommt dazu auch noch aus der Library of Congress,

weil der Haus-Laptop auf Wahlkampfberichterstattungstour in South Carolina ist.
Diese Woche gab es wieder einen Feiertag, den unter Ronald Reagan von der demokratischen Mehrheit im Kongress hart erkämpften Martin Luther King Tag. Wir begingen ihn mit einer Gedenkveranstaltung, die von verschiedenen schwul-lesbischen Musikgruppen gestaltet wurde und in einer Kirche in Capitol Hill stattfand. Das musikalische Niveau wurde stark von der politischen Motivation übertroffen.

George W. Bush hat immerhin auch an mehreren Gedenkveranstaltungen teilgenommen, ist bei einer aber wohl eingeschlafen.
Gleichzeitig ist das Thema Rasse in dieser Woche zu einem zentralen Konfliktpunkt im demokratischen Vorwahlkampf geworden. Wenn man nur die main-stream-Medien verfolgt, ist es schwierig einzuschätzen, was da eigentlich passiert. Aber die Lesart, dass Obama, der sich bisher als nicht in erster Linie schwarzer Kandiat präsentiert hat und somit breite Zustimmung in der Bevoelkerung bekommen konnte, durch die Attacken der Clintons auf einmal zu einem schwarzen Kandidaten gemacht wurde, erscheint mir einleuchtend und erschütternd.

Die bei der Gedenkveranstaltung auch auftretenden Feminist Singers

mussten im Anschluss an ihren Auftritt gleich weiter um die Ecke zur Gegendemo vor dem Supreme Court: Am Dienstag war der 35. Jahrestag der wichtigen Entscheidung des Obersten Gerichtshofes, die Abtreibung erlaubte. Dazu hatte es eine riessige Demo der Abtreibungsgegner, die auch die Unterstützung sämtlicher republikanischer Präsidentschaftskandidaten geniesen, gegeben. Als ich dort ankam waren die ProLife-Demonstranten zum Glück schon zu Hause und ihr Müll im Müll.


Diese Woche gab es an den Feierabenden schon kleine Lichtblicke, bald nicht mehr im Dunkeln nach Hause zu kommen, hier meine Metro-Station in Alexandria.

Aber da hatte ich mich getäuscht: Ab Montag beginnt die 10-woechige tax season bis alle Mandanten ihre Steuererklärung am 15. April abgegeben habe. Und das bedeutet für mich sowohl abends bis 7 oder 8 zu arbeiten als auch Samstags. Immerhin durfte ich diese Woche endlich auch mit richtigen Buchhaltungsaufgaben anfangen und habe die Jahresbuchhaltung einer Filmproduktionsfirma in L.A. gemacht. Und mir wurde gesagt, dass ich ja nur am Praktikantentisch sitzen würde...
Fotos von diesem Tisch gibt's noch nicht, aber ein paar andere aus dem Büro incl. der Akten unseres berühmtesten Mandanten, dem US-Senator aus Virginia, der immerhin 6 Jahre lang mit Liz Taylor verheiratet war.

Mein Laufen mit den DC-Frontrunner muss so wohl in den nächsten Wochen pausieren, aber zum Glück fangen die Fernsehdebatten der PräsidentschaftskandidatInnen immer erst um 9 an. Und so wie es aussieht, scheinen sich die Vorwahlen noch über den 5. Februar, den Tsunami-Tuesday, an dem fast in der Hälfte aller Staaten gewählt wird hinauszuziehen, weil es keine klaren Favoriten gibt. Auch ich bin hin- und hergerissen zwischen Obama und Clinton. Ich kann bisher nicht nachvollziehen, welches politische Konzept Obama eigentlich verfolgt: Seine Rhetorik besteht sehr aus "Change" und Zusammenbringen der Parteien, aber mir scheint, dass er deshalb auch keine klaren Positionen bezieht. Bei umstrittenen Abtsimmungen im Senat enthält er sich gerne. Hillary hingegen ist klarer, dafür aber auch recht konservativ. Und viele Leute, mit denen ich spreche sagen, dass sie eigentlich für Clinton sind, aber Angst haben, dass sie bei den Hauptwahlen verlieren koennte weil sie so ein negatives Image hat und sie deshalb auf Obama hoffen, der wohl die besseren Chancen hat, gegen einen Republikaner zu gewinnen.

Thursday, January 17, 2008

Als Amerikaner in Deutschland

Nachdem ich fast ein Jahr lang aus deutscher Perspektive die vielen Unterschiede im amerikanischen Leben beobachtet habe, war ich überrascht, in Deutschland auf einmal alles aus amerikanischer Persepktive zu sehen. Zuerst die vielen amerikanischen Ketten, allen voran natürlich die teuren und ungemütlichen Cafés

Interessanterweise auch Ketten, die es in den USA gar nicht gibt

Sowie die neue McDonalds-Linie speziell für an mehr Gemütlichkeit orientierten Europäer, die nun aber wohl auch in den USA eingeführt werden soll

Davon wiederum zwei an herausragender Stelle: Die vieldiskutierte Filiale in Kreuzberg

und im Bahnhof Hannover in den Räumen, in denen sich vor einem Jahr noch die beste Bahnliteratur-Buchhandlung befand, die ich so oft beim Umsteigen genutzt habe

Dass es spezielle Geschäfte für amerikanische Produkte gibt, war mir bisher nicht aufgefallen:

(Die Regale sehen allerdings eher nach DDR aus...)

Toll natürlich - nicht nur für den Bahnfan - das dichte und komfortable Bahnsystem, das ich nicht nur gut genutzt habe

sondern mit dem sowohl die kleinen als auch die großen Neffen und Nichten begeistert gespielt haben


Und erst jetzt kann ich verstehen, warum die Amis von so unbedeutenden Städten wie Rothenburg ob der Tauber so begeistert sind. Nach einem Jahr furchtbarer amerikanischer Stadtkultur und -planung, war auch ich ganz begeister vom guten alten Europa:


Etwas beunruhigend natürlich, dass ich in Deutschland alles besser fand, aber es gab zum Glück auch das Gegenteil. In Hundescheiße kann man hier nicht treten, weil die Amis auch ohne aufwändige Automaten alle Spuren entfernen

Und mit dem Rauchverbot scheinen sich die Deutschen sehr schwer zu tun. Vor meinem US-Aufenthalt stand ich dem Verbot noch kritisch gegenüber, aber inzwischen kann ich den Qualm nur noch schwer ertragen. Da muss es dann schon das Schampagnja sein, um darüber hinweg zu sehen. Aber das Roses hat es auch geschafft!

Wie immer: Die Details in den Unterschieden der Kulturen genauer und differenzierter zu diskutieren und vor allem zu bewerten, würde den Rahmen dieses Blogs sprengen, wäre aber eigentlich sehr intressant.

Nach so einer schönen und intensiven Zeit mit so vielen Begegnungen war natürlich die Frage, ob ich mich hier wieder wohl fühlen werde. Aber zum Glück: als ich in DC ankam fühlte ich mich sofort wieder zu Hause und geniese nun tax und election season, über die es noch viel zu berichten gibt.