Wednesday, January 21, 2009

Wo waren die Millionen?

Schon seit Wochen liefen die Vorbereitungen ja auf Hochtouren, weil man von zwei bis fünf Millionen Besuchern ausging, was insbesondere ein logistisches Problem darstellt. So gab es ein gut durchorganisiertes System, das aufforderte, zu Fuß zu gehen, wenn man nicht mehr als zwei Meilen vom Stadtzentrum entfernt wohnt und sonst die Metro zu nehmen, die ab 4 Uhr morgens fuhr. Auch für 10.000 Charterbusse und Fahrradfahrer war vorgesorgt.

Und es funktionierte, als wir morgens um 7 den Fernseher anmachten, waren schon 100.000nde bei eisiger Kälter aber bester Stimmung auf der Mall zu sehen und wie am Wahltag war ein stetiger Strom von Menschen vor unserem Haus in Richtung Innenstadt zu beobachten, an jeder Straßenkreuzung von zwei Sicherheitsleuten bewacht.

Und je näher man der National Mall kam, desto beeindruckend voller und voller wurde es und es erinnerte mich sehr an die Friedensdemos der 80er Jahre.

So habe ich es auch bis zum Washington Monument geschafft und den Blick aufs Weiße Haus, das Kapitol und das Licoln Memorial einmal genossen, bevor ich zum eigentlichen Programm wieder ins warme zuhause ging, von wo aus ich alles viel besser im Fernsehen beobachten konnte.

Schon erstaunlich, wie wichtig das Dabeisein vielen Leuten war, obwohl sie stundenlang in der Kälte warten mussten, ich war nach 1,5 Stunden bei -5 Grad und gefühlten -10 schon gut duchgefroren. An vielen Stellen halfen wohl Warmmachspiele wie hier bei den Girls Scouts.

Der National Park Service, der für die Mall zuständig ist, hatte aber doch auch mit einigen zu stark druchkülten Leuten zu tun.

Ein großes Thema in der Berichterstattung war auch immer wieder die Toilletenfrage, die aber - auch nach eigenem Test - sehr gut gelöst war, wenn auch die Dixis im Stadtbild doch sehr präsent waren.

Trotz des Einigkeit fordernden Obamas gab es zum Glück auch ein paar krtische Stimmen. Nicht alle werden so schnell ihre Umsetzung finden wie Guantonamo schon gestern abend während die Obamas noch tanzen waren.

Und während die Masse immer wieder in O-BA-MA Rufe einstimmte gab es sowohl Buh-Rufe als George W. die Stadt per Hubschrauber verlies und noch eine Ehrenrunde über die Mall und das Weise Haus drehte als auch beim Gebet des konservativen, schwulen- und frauenfeindlichen Pastors Rick Warren.

Das eigentliche, offizielle Inaugurations-Programm ist eigentlich relativ langweilig weil es aus lauter Traditionen besteht und (wie für die USA finde ich so typisch) emotionalisiert und kitschig eher an eine Hochzeit erinnert. (Hier könnte man jetzt noch lange über Michele Obamas Garderobe berichten, das gestrige Kleid war aber auf jeden Fall besser gewählt als jenes am Wahlabend...) Obamas Rede war nicht herausragend, wie man es von ihm gewohnt ist. Was aber im Gegensatz zu Obamas immer wiederholter Redewendung "es geht nicht um mich, sondern es geht um euch" stand, war die Tatsache, dass sich die wichtigen Würdenträger nach erfolgter Eideszeremonie zum dreistündigen edlen Mittagessen zurückzogen, während die Millionen Zuschauer weitere drei Stunden in der Kälte ausharren mussten/sollten, um die Parade vom Kapitol zum Weißen Haus mitzuerleben. Nur gut, dass die Parade nur von wenigen Leuten besucht wurde und viele Tribünen leer blieben. Auch für die Obamas war es sicher eher Pflicht, die ewig lange und langweilige Parade mit einer Blaskapelle nach der anderen aus ihrem kugelsicheren Verbau vor dem Weißen Haus anschauen zu müssen.

Und nun zur Frage nach der Zuschauerzahl. Statt der erwarteten durchgängigen Meldung von Rekordzahlen liest man heute eher "Huge crowd...", "A Vast, Diverse Sea of Humanity..." und es wird nirgendwo geschrieben, dass der Zuschauerrekord von 1,2 Millionen bei Lyndon B. Johnsons Inauguartion 1964 gebrochen wurde. Und trotzdem waren es beeindruckende Massen. Am Beeindruckendsten sicher die Freude (hauptsächlich) in den Gesichtern der Schwarzen zu sehen, die man als Weißer wahrscheinlich nur erahnen kann.
Nach vier Tagen Inaugurationspartys in Washington mit verlängerten Alkoholausschankzeiten waren die Menschen dann gestern abend wohl müde oder auf dem Heimweg, so dass wir froh waren, die Vorabendstimmung in der Stadt schon genossen zu haben.