Thursday, June 2, 2011

Kaliningrader Oblast

Leider ist der Nachtzug nach Kalinigrad in Dezember gestrichen worden, so dass wir fliegen mussten, was aber auch seinen Reiz hatte.

Als wir schon längst über Polen waren, meinte der Kapitän, dass jetzt gleich die deutsche Ostseeküste käme... Aus der Luft konnte man schon sehen, dass in EU-Land Lettland schöne Vorortsiedlungen entstanden sind. Auch der Flughafen war auf modernstem westlich schicken Niveau.

Ganz anders in Kaliningrad, wo ich mich in der vertrauten Kultur doch gleich zu Hause fühlte. Das etwas herunter gekommene hat ja doch immer seinen Reiz.

Gleich den originalen Kuchen probiert und ich bin begeistert, dass es mit dem öffentlichen Bus in die Stadt geht, immerhin auf einer sehr gut ausgebauten Straße.

In Kaliningrad dann gleich zwei der bekanntesten Gebäude: Die Ruine des Hauses der Räte, dass auf der Stelle des 1969 von den Sowjets abgerissenen Schlosses steht. Es konnte nicht fertiggestellt werden, weil der Grund sich zu bewegen begann. An der Mauer vor der Ruine Bilder des alten Schlosses, das einige wieder aufbauen wollen. Den Dom hat man mit Hilfe der Zeit-Stiftung schon wieder aufgebaut. Er steht heute in einem Park, auf dessen Gebiet bis 1945 das dicht bebaute Stadtzentrum Königsbergs lag.

So alleine gesehen sieht er ja ganz schön aus, aber es fehlt das entsprechende Stadtbild drum herum.

In den Dom konnten wir nicht, weil dort ein Gottesdienst stattfand und wie es aussah mit hohem Besuch aus Deutschland.

Und dann kam doch tatsächlich der noch Außenminister, der bei einem Treffen mit seinen polnischen und russischen Kollegen war. Er wirkte unglaublich abwesend und sah schlecht aus. Vielleicht sollte er sich doch eine neue Aufgabe suchen.

Am Grab des berühmtesten Kindes der Stadt wurde noch ein Kranz niedergelegt.

In der Nähe des Doms an der Prega hat man versucht, ein historisch wirkendes Fischerdorf aufzubauen, wie überall in der Stadt umgeben von Plattenbauten, die teilweise in einem bedenklichen Zustand sind.

Die Neubauten erinnerten eher an amerikanische sterile Vorstadtzentren.

Den Kaffee gabs in einer Imbissbude mit Russen, die natürlich schon beim Bier saßen. Leider kann man die tolle Musik dazu auf den Bildern nicht sehen.

Es gibt schon noch einige alte und schöne Häuser aus der deutschen Zeit, aber sie stehen vereinzelt zwischen großen Plattenbauten. Den Sowjets ist es also sehr gut gelungen, das Stadtbild des alten Königsbergs zu zerstören.

Auch typisch für diese Stadtplanung ist, dass diese Plattenbauten mitten in der Stadt mit viel Grünflächen gebaut sind, so dass man sich in vielen Seitenstraßen wie auf dem Dorf vorkommt, was durch den schlechten Bauzustand nochmal verstärkt wird.

Interessant ist, dass man an vielen Stellen Bilder vom alten Königsberg sieht und vor allem das Bild vom Schloss immer wieder auftaucht. Es scheint also bei den heutigen Bewohnern doch eine Rückbesinnung auf die Stadt zu geben, zu der sie ja als nach 45 angesiedelte Russen kein richtiges Verhältnis haben können.

Mit großer Begeisterung haben wir die einzelnen deutschen Häuser wahrgenommen, wie hier das alte Theater.

Die Schiller-Statue hat interessanterweise die Sowjetzeit überlebt während das Kant-Denkmal vor der alten Universität auch nach 89 erst wieder aufgebaut wurde. Auch hier war die Gräfin Dönhoff aktiv beteiligt, die schon im Sommer 1989 mit einer kleinen Kantfigur im Auto anreiste.

In einigen Vorstätdten etwas außerhalb des Zentrums hat sich die deutsche Stadtkultur noch etwas besser erhalten. Im rechten Bild zwei coole Cafes, die man wohl als gentrifiziert bezeichnen könnte.

Und in den Seitenstraßen eine große Zahl toller alter Villen, manche gut renoviert

andere mit besonderem Charme.

Was den Sowjets aber auch gut gelungen ist: Man sieht eigentlich keine Spuren der deutschen Sprache mehr, Inschriften an Häusern müssen sie wirklich sehr systematisch entfernt haben. So sieht man die deutsche Sprache im Alltag nur an anderen (auch von anderen Reisen schon bekannten) Stellen.

Und so war diese Entdeckung dann doch etwas besonderes: Bei der Renovierung eine alten Hauses tauchte unter dem Putz ein alter Schriftzug auf:

Aber auch nach 1989 gab es Versuch. der Stadt ein russisches Erscheinungsbild zu geben, wie hier am zentralen Platz der Stadt (Siegesplatz)

Aber auch sonst ist das Straßenbild von den bekannten russisch/osteuropäischen Dingen geprägt.

Besonders schön der rießige Markt.

mit leckeren Sachen direkt vom Land.

Die Ostsee ist nah und das traditionelle Straßengetränk Kwas darf natürlich nicht fehlen. Dieses Getränk aus vergorenem Brot muss man aber nur einmal im Leben probiert haben.

Während der Mark traditionell und einfach war, gibt es aber auch in Kaliningrad schon eine andere westliche Welt, die auch gut angenommen wird. Es muss also auch genügend Leute geben, die mehr verdienen und so scheint es hier große soziale Unterschiede zu geben.

Und bei so einem Bild würde man nicht denken, dass dahinter gleich baufällige Plattenbauten stehen.

Alte Ladas sieht man so gut wie gar nicht mehr, Autos sind hier sicher auch schon ein wichtiges Statussymbol, denn ich habe selten so viele Mercedes und BMWs gesehen. Und wenn man eine Hundeshow sieht, kann man sich schon vorstellen, in welche Richtung sih die Gesellschaft entwickelt.

Die Unterkunft war klassisch im Hotel Kalinigrad, das insbesondere wohl Anfang der neunziger Jahre die zentrale Anlaufstelle für alle ehemaligen Ostpreußen war, die ihre alte Heimat aufsuchten. Eine Touristeninformation gibt es komischerweise auch heute nicht.

Wir haten zwar Glück mit dem Wetter, aber abends im georgischen Restaurant war es dann doch etwas frisch. Da hilft aber eine deftige Vorspeisenplatte mit interessant gewürztem Fleisch.

Auch hier deutsche Spuren. Wie sie zu verstehen sind in einem Restaurant, das nicht gerade für deutsche Touristen gemacht ist?

Es gibt ein deutsch-russisches Haus, das sich aber an Russlanddeutsche richtet, die Anfang der neunziger Jahre aus Zentralasien nach Kaliningrad kamen. So kamen sie wohl der deutschen Kultur näher, ohne gleich die russische aufgeben zu müssen. Viele sind aber in den Folgejahren weiter nach Deutschland ausgewandert. Interessant, dass man dieses Nummernschild häufig sieht und es scheint auch eine Diskussion zu geben, die Stadt wieder umzubenennen, was ich eigentlich nicht stimmig finde. Aber Kalinin war auch ein enger Vertrauter Stalins, der für Katyn verantwortlich ist.

Eines der Highlights für mich die Straßenbahn über die ich mich schon in meinem Atlas der Trams in den ehemaligen Sowjetstaaten vorbereitet hatte. Leider sind weitere Linien eingestellt worden und die uralten Wagen sehen auch so aus, dass sie nur noch gefahren werden, bis es nicht mehr geht. Interessanterweise die einzige Straßenbahn in der ehem. Sowjetunion mit Normalbreite (und nicht der russ. Spurweite).

Die Trolley-Busse wirkten hingegen ziemlich modern, aber auch hier glaube ich, dass sie keine längere Zukunft mehr haben werden. Der Hauptteil des öffentlichen Verkehrs wird aber mit diesen alten deutschen Benz-Bussen gewährleistet, die eine schöne Erinnerung an Kindheit und Jugend sind.

Bahnhöfe gehören ja zum Pflichtprogramm

aber die Recherche, wie man wo hinkommt, stellte uns vor die üblichen Probleme, die immerhin im Zeitalter der Digitalkamera leichter zu bewältigen sind. Den Plan, mit dem Leihfahrrad aufs Land zu fahren, mussten wir allerdings aufgeben.

Also zum Busbahnhof, der auch eine architektonische Meisterleistung darstellt.

Leider fuhr dann der lang recherchiert Bus doch nicht in das kleine Dorf, in dem wir auch die Unterkunft nicht telefonisch erreichen konnten.

Aber Schaffnerin und Mitreisende waren so hilfsbereit, dass wir erstmal in die nahe gelegene Stadt Polesk fuhren, wo sie uns ein Taxi zur Weiterfahrt organisierten.

Nach holpriger Fahrt dann begeisterte Ankunft im Dorf kurischen Haff: Matrosovo ehemals Gilge, wo die Zeit stehen geblieben schien.

Die Berichte der ehemaligen Ostpreußen über ihre Heimat sind sicher oft verklärt, aber da sich hier in den letzten Jahrzehnten so wenig verändert hat, kann man sich doch leicht auch in die damalige Zeit zurück versetzt fühlen.

Toller Spaziergang zum Haff.

Die Weite und die Landschaft mit den Wölkchen sahen wirklich so aus wie in den Bildbänden.

Ein Haus ist wohl zur schicken Unterkunft ausgebaut, das Kulturhaus inklusive Magazin (Laden) aber noch wie eh und je.

Aber die erhoffte Gastgeberin ist dann doch da: Elena Ehrlich, die 1990 aus Kasachstan hierher kam und ein altes Hotel zu einer Pension ausgebaut hat, in der sie deutsche Gäste unterbringt. Eine Institution in Ostpreußen, in die auch Klaus Bednarz gerne seine Reisegruppen unterbirngt.

An diesem Ort kann man nur Erholung pur haben und die Bücher der alten Ostpreußen lesen. Neben den Dönhoff Büchern, die das tolle Ostpreußen doch sehr aus Adelsperspektive beschreiben, vor allem eines interessant von einer Ostpreussin, die den letzten Zug der Aussiedlung der Deutschen verpasst hat und so als Litauerin im Kalinigrader Gebiet weitergelebt hat. Elena erzählt, dass es auch in Gilge noch drei solcher "echten" Deutschen gegeben hat, die aber inzwischen nicht mehr leben.



Das persönlich gekochte Essen ist natürlich immer das beste, vor allem wenn es mit Pilaw auch noch zentralasiatische Einflüsse hat.

Und beim Abendspaziergang noch alles traumhaft.

Am nächsten Tag dann zu Fuß zurück vorbei am alten Arzthaus des Ortes. Und eine von vielen traumhaften Alleen.

Ostpreußen war wohl als Kornkammer bekannt, weil die deutschen das feuchte Land wohl geschickt bewässert und traditionell mit "leichten" Tieren bewirtschaftet haben. Die Sowjets kamen dann wohl mit schwerer Agrarindustrie und haben die Böden kaputt gemacht, so dass heute die Landwirtschaft in keinem so guten Zustand mehr ist. Aber man sollte vielleicht nicht alles glauben, was die alten Ostpreußen schreiben....

Es gab kaum ein Haus, auf dem nicht ein bewohntes Storchennest war.

Auf halber Strecke dann sehr nette Rast in einem Dorfladen.

Das ganze Kaliningrader Gebiet ist natürlich voll von alten deutschen Städten mit schöhnen Namen wie Tilsit, Wehlau oder hier Gumbinnen.

Hier sogar mal wieder eine deutsche Aufschrift, sonst die üblichen Bilder.

Backsteinbarock und interessante Friedensmahnmale. Der Krieg hier mal schon ab 1939 und nicht wie üblich erst ab 41.

Fabrikanlagen aus verschiedenen Zeiten.

Hotel Gloria mit Blini- Fruehstueck

Insterburg, die zweitgrößte Stadt des Gebiets schauen wir uns nur aus dem Bus an, aber auch hier viel deutsche Atmosphäre und eine alte Burgruine.

Aus dem Bus unzählige Baudenkmale aus der sowjetischen Zeit.

Und dann endlich eine Fahrt mit dem Zug, der in die meisten Regionen leider zu selten fuhr. Aber die beiden Strecken in die Ostseebäder sind sogar elektrifiziert und mit klassisch stabilen Zügen gut bedient. Bei der Bahn gilt die Moskauer Zeit (Minus eine Stunde)

Und nun zum ersten Mal deutsche Ostpreußenreisende, gleich ein ganzer Zug voll. Ich hatte schon gedacht, es gäbe sie nicht mehr. Aber meine These ist weiterhin, das die Hoch-Zeit des deutschen Tourismus vorbei ist, nachdem die meiste ihre alte Heimat schon in den neunzihger Jahren besucht haben und jetzt teilweise auch schon nicht mehr leben.

Letzter Blick auf Kaliningrad.

Und dann die schöne Ostseeküste im ehemaligen Kurort Rauschen.

Unterkunft im Hotel Alter Doktor und das Wasserwerk.

Die Abiturienten haten wohl ihren letzten Tag, den in allen Städten laufen sie so feierlich angezogen rum.

An der Bernsteinküste gibts natürlich viele Touristenangebote. Das alte Kurhaus neu gemacht.

Und endlich Strand!

Als einziger im kalten Wasser. Zum Sonnenuntergang ein Bier!

Hier gibt es im ostpreußischen Restaurant zum Glück das lang ersehnte Gericht.

Weiter mit der Bahn über Neukuhren nach Kranz, das auch sehr nett wirkt.

Aber es geht weiter auf die kurische Nehung ins Fischerdorf Ribatschi, das ehemalige Rossiten. Vor der deutschen Kirche dann doch mal wieder Touristen.

Das Hotel aus dem Lonley Planet gibt es nicht mehr, aber wir haben Glück und kommen privat unter. Hier gab es in den 90er Jahren wohl mal eine Initiative, ökotourismus einzuführen, so dass es einige Privatunterkünfte gibt.

Auch unserer Deutsch sprechende Gastgeberin scheint gute Kontakte zu bekannten Deutschen. Volker Koepp ist ihr Freund und hat hier unter anderem seinen Film Kurische Nehrung gedreht.

So frisch bekommt man den Räucherfisch wohl sonst nie.

was wir zu jeder Mahlzeit genossen haben. Was anderes gabs aber auch nicht...

Hier nun endlich der gewünschte Fahrradausflug. Leider geht die Straße auf der kurischen Nehrung nur durch den Wald, weder an der Ostsee- noch an der Haffküste entlang.

Die große Attraktion sind eindeutig die rießigen Wanderdühnen.

Und auf der anderen Seite das Meer.

Noch ein kleines Fischerdorf, moskoe mit interessanter Erinnerungstafel an die ehemaligen deutschen Bewohner.

Leider bauen in diesem Dorf reiche Russen schicke Häuser um die schönen alten Häuser herum.

Noch einmal zurück ins russische Dorf.

Die deutschen Gräber haben wir leider nicht gefunden.

Dafür am Abend die DVD "Eine Liebe in Königsberg" gesehen, die auch hier gedreht wurde. Frische Milch zum Frühstück und nochmal Blinies.

Vom zweistündigen Grenzübertritt gibt es leider keine Bilder. Da die Russen für den Schengenraum (das Kaliningrader Gebiet ist von Litauen und Polen umgeben), benötigt man als Deutscher auch ein aufwändiges russisches Visum. Aber das hat auch Vorteile:

Während das russische Gebiet noch recht original ist, tobt hier auf der litauischen Seite der kurischen Nehrung der Touristen-Bär.

Als ob wir den Lavazza-Kaffee vermisst hätten. Letzte Spuren.

Bei der deutschen Kirche und dem hübschen Friedhof war ich 1997 schon mal.

Das thomas Mann Haus liegt tatsächlich traumhaft.

Mit dem Bus weiter nach Kleipeda, dem ehemaligen Memel, das gemeinsam mit dem gesamten Memelgebiet schon im Versailler Vertrag Litauen/der Sowjetunion zugesprochen wurde.

Aber sie haben es sehr schön wieder hergerichtet. Das Ännchen von Tharau steht vor dem Theater und es gibt leckere Kartoffelgerichte.

Wir sind die einzigen, die mit dem öffentlichen Bus zum Fährterminal fahren.

Und die Fähre wird auch hauptsächlich von LKW(-Fahrern!) genutzt.

Bis hierhin immer Glück mit dem Wetter.

Lange Ausfahrt aus Kleipeda

Und letzter Abschied von der Kurischen Nehrung.

Wie immer nette Atmosphäre auf einem Schiff

Und eine toll geräumige Kajuette

Am Morgen sieht man schon die Kreidefelsen von Sassnitz, das auch einen besonderen Charme hat.

Aber einen schicken Bahnanschluss. Und vor allem in der Bahn eine tolle Karte, wie ich sie bisher nur aus der Rhätischen Bahn kannte. Nach Berlin sind aber noch fast vier Stunden...