Leider war das Schiff, auf dem die Boston Tea Party stattgefunden hat gerade in Reparatur, hier liegt es normalerweise:
Obwohl die Bostonians mit dem groessten und überteuersten Strassenbauprojekt der US-Geschichte (The Big Dig) ihre Stadtautobahn unter die Erde gelegt haben
sieht die Innenstadt trotz ihrer vielen historischen Gebauede aus, wie (fast) jede andere amerikanische Stadt. Die hässlichen Neubauten überragen alles und es fehlt jegliches Altstadtensemble und -gefühl:
Selbst dieses alte ehemalige Regierungshaus stand schon einmal kurz vor dem Abriss und in seinem Keller befindet sich eine U-Bahnstation. Immerhin: Boston hat die älteste U-Bahn der USA.
Ohne Harvard, das ein Vorort von Boston ist und wo sich auch das MIT befindet, gesehen zu haben, ging es zurück nach New York, das jetzt im September bei nicht mehr so heissem aber sehr schoenem sommerlich, sonnigen Wetter von Touristen überlaufen ist. So mussten wir als Unterkunft mit dem YMCA in Harlem vorlieb nehmen,
was sich aber letztendlich als sehr interessante Erfahrung herausstellte.
Als ich 1997 zuletzt in Harlem war wurde man noch gewarnt, dass man die Hauptstrasse nicht verlassen soll und man kam sich auch etwas komisch und unsicher vor, dort herumzulaufen. Im letzten Jahrzehnt hat sich Harlem enorm entwickelt, ist so sicher geworden wie das restliche New York und auch Bill Clintons Stiftung hat hier ihren Sitz. Ein geschickter Schachzug, der auch heute noch positive Auswirkungen auf Hillarys Wahlkampf und ihre Zustimmung bei den Schwarzen hat.
Allerdings sieht Harlem so fast etwas langweilig normal aus:
Die Atmosphäre im YMCA, das seit den 30er Jahren ein wichtiges community-center ist, war aber sehr interessant. Ein (auch von uns) gut genutztes Fitnesstudio mit Schwimmbad und am Sonntag morgen Gottesdienste mit lautem Gospel-Gesang. Und als wir auf die Strasse gingen, erlebten wir eine grosse African-American Parade, die uns mit dem auf die Strasse getragenen Stolz der unterschiedlichsten Gruppen an die Gay-Pride-Paraden erinnerte.
Aufgefallen waren uns Plakate mit der für uns unverständlichen Forderung "Free Jena 6". Gestern hat sich dies nun für mich geklärt: Im kleinen Ort Jena im (rassistischen) Südstaat Lousiana gab es gestern eine der groessten schwarzen Demonstrationen seit der Bürgerrechtsbewegung in den 60er Jahren. Im letzten Jahr gab es dort eine Auseinandersetzung zwischen weissen und schwarzen Schülern. Die Schwarzen hatten sich erlaubt, sich unter einen Baum zu setzen, unter dem sich sonst die Weissen treffen. Am nächsten Morgen hingen drei Schlingen vom Baum, eine deutliche Anspielung auf früheres Lynchen. Bei einer anschliessenden Schlaegerei wurde ein weisser Schueler (nicht ausserordentlich schwer) verletzt. Sechs Schwarze wurden wg. versuchten Mordes angeklagt, waehrend die Weissen nicht belangt wurden. Ein Bespiel unter vielen, dass das Justizsystem Schwarze anders behandelt als Weisse. Die Bilder der gestrigen Demonstration waren sehr beeindruckend, zeigten die Wut der Schwarzen aber auch ihre Hoffnung, dass sich die jetzig Enkelgeneration der Bürgerrechtsbewegten nun endlich gegen weiter bestehende Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt. Auch hier in DC gab es Solidaritätsveranstaltungen. Bezeichnend auch: die mainstream-Medien hatten bisher (so gut wie) nicht von diesen Vorfällen berichtet.
Sonst ist das politische Leben wieder mit den üblichen Themen zurück. Die Demokraten versuchen verzweifelt, den Irak-Krieg zu beenden, aber ihnen fehlt die Mehrheit, ihre Anträge zur Abstimmung zu bekommen. Grosses Aufsehen erregte eine Anzeige der Friedensgruppe move on in der New York Times mit dem Slogan: "General Petraeus, don't betray us". Der Oberbefehlshaber im Irak Petraeus hatte letzte Woche im Kongress ausführlich berichtet, wie erfolgreich der Kampf dort vorankommt. Gefundenes Fressen für die Republikaner, denn die Armee zu kritisieren ist unehrenhaft, das finden auch die meisten Demokraten... Aber immerhin gab es am Samstag eine Friedensdemo und auch in der Chinatown-Busstation gibt es Proteste:
Hillary hat diese Woche ihren lange erwarteten Plan für eine Gesundheitsreform vorgestellt. Nachdem sie 1994 mit ihren grossen Reform (an der Gesundheitsindustrie, die ein siebtel der amerikansichen Wirtschaft ausmacht) gescheitert war, schlägt sie jetzt nur noch kleinere Aenderungen vor. Immerhin soll es für alle eine Krankenversicherungspflicht geben. Aber ihr PR, das auch in anderen Bereichen darin besteht, sich nicht zu genau festzulegen, wirkt und sie hat damit wohl weiter an Zustimmung unter den Demokraten gewonnen. Auch auf der Schwarzen-Parade:
Gestern abend bei einer der unzaehligen, sich immer weiderholenden Fersehdiskussionen der KandidatInnen wirkte sie aber recht müde...
Und um nach dem langen Bericht noch etwas neidisch zu machen: jetzt am Wochenende wird es in DC noch einmal über 30 Grad warm werden: