Monday, October 20, 2008

Endspurt

Wie man sicherlich auch den deutschen Medien entnehmen kann, ist der Wahlkampf intensiv in seine letzte Phase gegangen und die Bekanntgabe neuer Umfrageergebnisse überschlagen sich. Dass die Stimmung sich dank der Finanz- und Wirtschaftskrise in Richtung Obama gewendet hat, hat auch unsere Stimmung gehoben und den Spaß am Wahlkampf wieder vergrößert. So haben wir die letzte Fernsehdebatte (nach über 40 Debatten in den letzten 18 Monaten) noch einmal richtig genossen, auch wenn sie wie alle anderen sehr langweilig war, weil die Wahlkampfteams den Debatten so strenge Regeln vorschreiben, dass eine Diskussion unmöglich ist und die Kandidaten meist ihre vorgefertigten Statements abgeben können, ohne die Fragen richtig beantworten zu müssen.

Aber auch nach der letzten Debatte sind die Kandidaten noch gut im Fernsehen präsent, nicht nur in Nachrichtenberichten. Es vergeht keine der vielen Werbepausen, in denen nicht ein Werbepsot von Obama zu sehen ist, was schon fast etwas nervig ist. Aber er hat so viele Wahlkampfspenden eingenommen, dass er schon alle zur Verfügung stehenden Plätze gekauft hat und kaum weiß, wohin mit dem Geld.
Dass wir so viel Wahlwerbung zu sehen bekommen liegt aber daran, dass wir im Fernsehmarkt von Virginia liegen, einem der sog. Battleground States. Wie berichtet wird die Wahl durch das Mehrheitsrecht, das nach Staaten ausgezählt wird, in etwa 13 der 50 Staaten entschieden, bei allen anderen steht der Gewinner sowieso schon fest. Am Wochenende waren wir (zur Erholung) in einem anderen Swing State, Pennsylvania, u.a. um den wieder beeindruckenden Indian Summer zu geniesen.

Aber natürlich wollten wir auch das Land und die Leute kennenlernen. Eigentlich überall ist es so, dass die Stadtbevölkerung (in Pennsylvania insbesonder Philadelphia und Pittsburg) eher demokratisch wählt, während auf dem Land konservativ gewählt wird. Trotzdem waren wir schockiert, dass wir zunächst keine der vertrauten Obama-Biden Schilder sahen, aber immerhin kam das auf unserem Auto endlich zum Einsatz.

Noch schlimmer: Durch Zufall kamen wir an der Absturzstelle des vierten 9-11 Flugzeuges vorbei, wo sich mitten im einsamen Hügelland die Bekundungen von Nationalismus überschlagen.

Unser Interesse galt aber wie so oft den verfallen Industriestätten, diesmal Johnstown und Altoona, die beide Ende des 19. Jahrhunderts von deutschen und osteuropäischen Einwandereren aufgebaut wurden und ihre Blütezeit schon lang hinter sich haben.

Und hier fanden wir dann zum Glück auch ein Obama-Büro. Obama hat ja nicht nur viel Geld und macht viel Fernsehwerbung, sondern er hat auch eine unglaublich gute Organisation mit tausenden von Freiwilligen, die von Tür zu Tür gehen und jedeN WählerIn einzeln bearbeiten. Ein unglaublicher Aufwand, aber schon im Vorwahlkampf hatte er damit Erfolg gegen Hillary.

Ein großer Teil dieser Arbeit bestand bisher darin, die Wahlberechtigten zur notwendigen Wählerregistrierung zu mobilisieren. Denn anders als in Deutschland, wo man anhand der Melderegisterdaten Wahlbenachrichtigungen verschicken kann, gibt es ja hier kein Meldewesen. D.h. wer wählem will, muss sich innerhalb einer bestimmten Frist registrieren, wozu meist (aber je nach Staat unterschiedlich geregelt) der Führerschein und eine Unterschrift, dass man Staatsbürger ist, notwendig sind. Ich glaube, dass eine Kontrolle dieser Registrierungen nicht wikrlich möglich ist. Hinzu kommen u.a. die (bekannten)technischen Probleme der verschiendensten Wahlmaschinen, die bei weitem nicht gelöst sind, obwohl sie seit langem bekannt sind (bei der Vorwahlen in DC Anfang September gab es zwischendurch einige tausend mehr ausgezählte Stimmer über deren Herkunft man bis heute nichts genaues sagen kann) und die unzureichende Ausstattung der Wahllokale mit Wahlunterlagen, so dass man oft Stunden lang warten muss, bevor man seine Stimme abgeben kann. Es vergeht z.Zt. kein Tag an dem man nicht von einer dramatischen Geschichte aus diesem Bereich hört. Ist so ein System demokratisch?
Aber zurück zur Reise und zur Wirtschaft. Von den euopäischen Spuren war nicht mehr viel zu sehen, aber immerhin bemühte sich unser Restaurant mit einigen Beilagen an die Vorfahren zu erinnern, so konnte ich zwischen Käsepieroggen und Halushki wählen. Und auch sonst sah man noch einige kulturelle Erinnerungen.

Und erstaunlicherweise gab es eine schwule Kneipe, in der uns Herr Faust (deutsche Eltern/Großeltern natürlich) erzählte, dass Johnstown bis vor 30 Jahren eine blühende, lebendige Stadt war und sich in dieser Straße eine Kneipe an die andere reihte.

Hier in DC ist die Wirtschaftskrise zunächst nicht zu spüren, aus den Industriegegenden hingegen sieht und hört man viele Berichte von aufgebrachten Leuten, die nicht nur ihre Jobs verlieren, sondern damit meist auch ihre Krankenversicherung, ihr Haus ist meist sowieso schon zwangsversteigert, mit ihrem Gehalt hätten sie in Deutschland nie einen Kredit bekommen. Aber auch hier in der Hauptsatdt ist die Unruhe zu spüren, denn fast alle Rentenversicherungen sind hier Aktien-basiert, so dass sich viele ernsthaft Sorgen um ihre Zukunft machen müssen, wenn sie nicht gar schon im Rentenalter sind. Da hilft dann nur noch arbeiten, so lange es geht.
Auch wenn die schlechte Wirtschaftslage Obama in den Umfragen hilft, kann (und will?) auch er nicht sagen, dass der nächste Präsident harte Einschnitte zu machen hat. McCain hetzt (soweit er das bei seinen schlechten Umfragewerten noch kann) mit Angst vor Sozialismus, aber das wirkt wahrscheinlich beim fest verankerten Glauben in den Kapitalismus und in niedrige Steuern. Und das Beispiel von "Joe (Wurzelbacher) the Plumber", der ja sicher auch in Deutschland bekannt ist, ist finde ich vielsagend: McCain beklagt sich ja, dass Joe unter Obama mehr Steuern zahlen müsste. Zum einen hat sich Joe/McCain verrechnet, er verdient gar nicht mehr als $250.000, eindeutige amerikanische Selbtsüberschätzung. Wenn er denn tatsächlich über $250.000 verdienen würde, wäre sein Steuersatz auch nach Obamas Plan noch sehr angenehm niedrig. Aber so (offen) wird das nicht ausgesprochen.
Dank des herbstlichen Wetters und frostiger Temperaturen in den Allegheni-Bergen haben wir das Zelt gegen ein Motel getauscht und konnten so am Sonntag morgen das Obama-"Endorsement" von Collin Paul erleben.

Mit zwei erfreulichen Inhalten: Endlich mal klare Worte, dass Sarah Pailin nicht die Voraussetzungen hat, Präsidentin zu werden. Noch wichtiger: Es wird immer wieder das Gerücht gestreut, dass Obama Muslim sei und die Reaktion ist immer die Bestätigung, dass er natürlich Christ und Familienvater ist. Paul nun verlangte endlich, dass die richtige Reaktion sein müsste: Und wenn schon? Auch ein Muslim könnte Präsident werden.
Aber jetzt heisst es noch zwei Wochen geduldig und nicht zu sicher sein, dass bald der erste afro-amerikanische Präsident gewählt werden könnte, eine wahrhaft historiche Vorstellung.

Saturday, October 4, 2008

Ankunft in der 17. Straße

Obwohl es mein erster Umzug mit bezahlten Helfern war, war es mein bisher nervigster. Nicht nur, dass die Umzugsleute 3 Stunden nach der vereinbarten Zeit eintrafen und so langsam einpackten, das wir während ihrer Anwesenheit schon anfingen zu putzen.

Obwohl sie uns vorher zugesichert hatten, dass das Klavier kein Problem sei, meinten sie auf einmal, dass sie das Klavier nicht transportieren koennten. Schließlich haben sie es dann doch gemacht, allerdings nur mit unserer Hilfe. Und obwohl wir unglaubliche Kräfte eingebracht haben, sind wir doch um die letzte enge Treppenecke nicht gekommen und das Klavier musste erstmal im Eingangsbereich bleiben, nicht ohne vorher noch die Wand kräftig zerstört zu haben.

Während des Ausladens ging dann ein kräftiges Gewitter herunter und obwohl ich beim Ausladen dann doch mitgeholfen habe, damit wir wenigstens bis 22 Uhr fertig wurden, wollten sie uns dann auch noch mehr Geld abköpfen als ursprünglich vereinbart. Und wollten unsere Wohnung erst nach Barzahlung verlassen...

Heute kam dann zum Glück die professionelle Rettung:

Nach der eigenen Erfahrung war es noch beeindruckender, wie die drei muskulösen Männer das schwere Klavier zwar auch unter Stöhnen und Schwitzen, aber doch mit "Leichtigkeit" die Treppe herauf und um die Ecke brachten.

Und so können wir jetzt unsere tolle neue Wohnung so richtig geniesen, vor allem auch den Blick auf die sehr nett belebte 17. Straße.

Unser neues Wochenendcafe war zwar schon vorher bekannt, nach der hochsommerlichen Einweihung heute hat es aber nochmal deutlich bestätigt. Und unsere "Stammkneipe" JR's, die wir jetzt aus dem Fenster sehen können, war ja sowieso schon bekannt.